Die Deutsche Bahn (DB) schwenkt auf einen neuen Kurs ein: Statt großer, oft unerreichbarer Versprechen stehen künftig Zuverlässigkeit, betriebliche Qualität und wirtschaftliche Tragfähigkeit im Mittelpunkt. Bahnchefin Evelyn Palla kündigte eine radikale Neuausrichtung des Konzerns an, die in drei Phasen bis 2035 umgesetzt werden soll. Ziel ist es, die seit Jahren andauernde Krise zu überwinden und das Vertrauen der Fahrgäste zurückzugewinnen.
Abschied von der Verdopplung der Reisendenzahlen
„Wir konzentrieren uns radikal auf das, wofür wir da sind: auf Eisenbahn und das Reiseerlebnis der Kunden. Wir verabschieden uns von unerreichbaren Versprechen. Wir setzen auf realistische Ziele und Fakten“, sagte Palla in einer Mitteilung. Die neue Konzernstrategie war zuvor Thema bei einem Treffen des Aufsichtsrats der DB am Mittwoch. Der bundeseigene Konzern gibt damit frühere Ambitionen wie die Verdopplung der Reisendenzahlen auf. Priorität haben nun Verlässlichkeit, nachgewiesene betriebliche Qualität und wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Pünktlichkeitsziele deutlich nach unten korrigiert
Die Bahn steckt seit Jahren in einer tiefen Krise. Schlechte Pünktlichkeitswerte und eine marode Infrastruktur haben zu Frust bei Fahrgästen und in der Branche geführt. Gleichzeitig steigen die Fahrgastzahlen, was das große Interesse an Bahnreisen zeigt. Die Pünktlichkeitsziele wurden im Vergleich zu früheren Jahren deutlich heruntergeschraubt: Erst in den 2030er Jahren strebt der Konzern wieder eine Fernverkehrspünktlichkeit von 80 Prozent und mehr an. „Ziel ist, in den nächsten Jahren eine leistungsfähige Bahn aufzubauen“, hieß es in der Mitteilung.
Mehr Verantwortung für regionale Manager
Palla hatte bereits kurz nach ihrem Start als Vorstandsvorsitzende einen tiefgreifenden Konzernumbau angekündigt. Regionale Managerinnen und Manager erhalten künftig mehr Verantwortung: Sie sind für die Qualität des Verkehrs zuständig und sollen sicherstellen, dass die Kennzahlen eingehalten werden. Eine zentrale Steuerungseinheit soll es zwar weiterhin geben, doch die regionalen Einheiten können selbst entscheiden, wie sie die Ziele erreichen.
Stellenabbau in der Zentrale geplant
Die Neuaufstellung sieht eine radikale Verschlankung in der Zentrale und auf den Führungsebenen vor. Bereits Anfang des Jahres wurde bekannt, dass von rund 3.500 Stellen in der Konzernleitung etwa 30 Prozent abgebaut werden sollen. Nun teilte die Bahn mit, dass der Umbau in drei Phasen erfolgt: Die erste Phase im laufenden Jahr legt die Grundlage für die Neuausrichtung. Von 2027 bis 2030 steht die Sanierung des maroden Schienennetzes im Fokus. In der dritten Phase bis 2035 sollen Fahrgäste deutliche Verbesserungen in Qualität und Pünktlichkeit spüren. „Die DB schafft mit Unterstützung von Politik und Branche eine Pünktlichkeit im Fernverkehr von 80 Prozent“, heißt es zu dieser Phase. 2035 soll zudem das 200-jährige Jubiläum der Eisenbahn in Deutschland gefeiert werden.
Positives Ergebnis nach Steuern erwartet
Laut Mitteilung will die DB im laufenden Jahr erstmals seit Jahren ein positives Ergebnis nach Steuern erreichen. „Die DB erwartet, dass sich das operative Ergebnis des Konzerns bis 2030 um über 1 Milliarde Euro auf 1,7 Milliarden Euro verbessert“, teilte sie mit.
Neuer Finanzvorstand ab September
Neuer Hüter der Finanzen wird vom 1. September an Michael Obrowski. Der Aufsichtsrat berief den 57-Jährigen zum neuen Finanzvorstand. Obrowski ist seit 2021 Finanzvorstand bei Volkswagen Nutzfahrzeuge und leitete zuvor fünf Jahre das Konzern-Controlling der Volkswagen AG. Bei der Bahn war die Stelle des Finanzvorstands im März durch den überraschenden Abgang von Karin Dohm freigeworden, die die Bahn nach nur knapp vier Monaten verließ. Die Personalie hatte im Februar und März für große Aufregung im Bahntower in Berlin gesorgt. Laut „Süddeutscher Zeitung“ soll Dohm in der kurzen Zeit zahlreiche Menschen gegen sich aufgebracht haben, darunter Politiker und Arbeitnehmervertreter. Die Bahn betonte offiziell stets, der Konzern und die Finanzvorständin hätten sich einvernehmlich getrennt.



