Berliner Azubis nicht vermisst: Banale Gründe für Abwesenheit
Berliner Azubis nicht vermisst: Banale Gründe

Im Herbst 2025 sorgte eine Meldung für Aufregung: Fast 250 junge Vietnamesinnen und Vietnamesen sollen schon kurz nach Ausbildungsbeginn ihre Lehre an einer Berufsschule in Berlin-Weißensee abgebrochen haben und spurlos verschwunden sein. Die Polizei prüfte unter anderem auch den Verdacht auf Menschenhandel. Mittlerweile stellte sich jedoch heraus: Die 250 jungen Menschen waren nie wirklich weg. Und für ihre Abwesenheit an der Schule gab es banale Gründe.

Ermittlungen der Polizei: Kein Vermisstenfall

Alle Daten zu Personen, die unabgemeldet dem Unterricht ferngeblieben seien, habe die Polizei überprüft. „Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass die betroffenen Personen nicht vermisst wurden.“ Das geht aus einer aktuellen Antwort des Senats auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Damiano Valgolio und Katina Schubert hervor. Tatsächlich waren demnach sogar die Aufenthaltsorte der vermissten Personen bekannt, heißt es in der Antwort.

Ursachen: Visa, Heirat, Umzug oder Ausbildungswechsel

Nachdem in der Öffentlichkeit spekuliert worden war, dass die Azubis vielleicht mittlerweile irgendwo illegal arbeiten würden, stellte sich heraus: Hinter dem Verschwinden steckten unterschiedliche Gründe, etwa nicht erteilte Visa, „Eheschließung, Umzug in ein anderes Bundesland oder der Wechsel des Ausbildungsplatzes“. Der Verdacht auf Menschenhandel habe sich nicht bestätigt, es gebe auch keine belastbaren Hinweise auf entsprechende Straftaten – und nicht einmal einen entsprechenden Anfangsverdacht, der Ermittlungen rechtfertigen würde.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Hohe Vermittlungskosten und Sprachprobleme

Ein Problem, an dem viele vietnamesische Azubis nicht nur in Berlin scheitern, sind fehlende Sprachkenntnisse: Viele Vietnamesinnen und Vietnamesen kommen über private Vermittlungsagenturen nach Deutschland. Dafür zahlen Familien Experten zufolge zwischen 12.000 und 20.000 Euro. Tatsächlich sind aber die inkludierten Sprachkurse häufig nicht zertifiziert: So scheitern die jungen Menschen, in Deutschland angekommen, schnell an einer Mischung aus Sprachproblemen, Geldnot und den hohen Erwartungen ihrer daheim gebliebenen Familien.

Fragwürdige Werbepraktiken im Herkunftsland

Das beobachtet auch der Senat: In der dort angedockten Projektgruppe, die sich mit der Situation vietnamesischer Auszubildender beschäftigt, sei „auch zu fragwürdigen Werbepraktiken im Herkunftsland berichtet worden“, heißt es in der Antwort. Dabei spielten insbesondere soziale Medien und auch künstliche Intelligenz eine Rolle. Es stünden allerdings keine rechtlichen Möglichkeiten zur Verfügung, um gegen diese „irreführenden Anwerbepraktiken“ vorzugehen. Tatsächlich werden viele Azubis mit der Aussicht auf wenig Arbeit und viel Gehalt nach Berlin gelockt – und stellen hier dann fest, dass ihre Erwartungen nicht zutreffen.

Hohe Verschuldung und fehlende Aufsicht

„Die Menschen verschulden sich hoch, um nach Deutschland zu kommen – in der Hoffnung auf einen legalen, sicheren Weg zum Wohlstand“, sagte Dorothea Czarnecki, Mitgründerin des Vereins Vietnam International Safe Labour Alliance (VISLA), dem Tagesspiegel im November. Dem Senat ist nach eigenen Angaben dabei nicht einmal bekannt, welche privaten Vermittlungsagenturen in Berlin tätig sind. „Eine unmittelbare Aufsichtspflicht (…) besteht nicht“, heißt es in der Antwort. Daher würde auch kein Register geführt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration