Gewerkschaft prangert anhaltende Missstände bei Saisonarbeitern in der Landwirtschaft an
Ohne sie würde die Ernte auf deutschen Feldern nahezu zum Erliegen kommen: Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa, die Spargel und Erdbeeren pflücken, sind für die deutsche Landwirtschaft unverzichtbar. Dennoch arbeiten sie häufig weiterhin unter äußerst harten und prekären Bedingungen, wie die Gewerkschaft IG Bauen-Agrar-Umwelt in ihrem aktuellen Jahresbericht 2025 kritisiert.
Überlange Arbeitszeiten und systematische Lohnkürzungen
Die Gewerkschaft dokumentiert nach wie vor gravierende Verstöße gegen grundlegende Arbeitsrechte. Saisonkräfte müssen regelmäßig Arbeitstage von bis zu 16 Stunden und Wochenarbeitszeiten von über 70 Stunden bewältigen. Die Unterbringung in Sammelunterkünften ist oftmals mangelhaft und entspricht nicht den Standards.
Obwohl der gesetzliche Mindestlohn formal gezahlt wird, kommen bei den Arbeitskräften häufig nur Bruchteile des vereinbarten Lohns an, berichtet die IG BAU. Illegale Praktiken zur Kostendrückung sind weit verbreitet: Dazu gehören rechtswidrige Abzüge, bei denen Kautionen ohne Begründung einbehalten werden, sowie unzulässige Vertragsstrafen. Selbst Kosten für notwendige Arbeitsgeräte wie Messer oder persönliche Schutzausrüstung werden oft vom ohnehin knappen Lohn abgezogen.
Arbeitsverdichtung und sinkende Kontrollen verschärfen die Situation
Die Arbeitsbelastung hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. In der Spargelernte sind die Erntevorgaben von 11 Kilogramm pro Stunde im Jahr 2024 auf bis zu 14 Kilogramm im vergangenen Jahr gestiegen, wie das DGB-Bundesvorstandsmitglied Anja Piel erläutert. Diese Arbeitsverdichtung setzt die Saisonkräfte unter zusätzlichen Druck.
Gleichzeitig sinkt die Zahl behördlicher Kontrollen in der Landwirtschaft bedenklich. Wurden im Jahr 2021 noch 839 Betriebe geprüft, waren es im Jahr 2024 nur noch 274 Betriebe. „Das halten wir für sehr schlecht“, kommentiert Piel diese Entwicklung. Die Finanzkontrolle Schwarzarbeit des Zolls stellt in der Landwirtschaft eine überdurchschnittlich hohe Quote an Mindestlohnverstößen fest – doch ohne ausreichende Kontrollen bleiben viele Verstöße unentdeckt.
Neue Sozialstandards und kontroverse Mindestlohn-Debatte
Seit dem vergangenen Jahr gilt in der deutschen Landwirtschaft das Prinzip der sozialen Konditionalität: Landwirte, die öffentliche Fördermittel erhalten, müssen faire Arbeitsbedingungen garantieren. Christian Beck aus dem Bundesvorstand der IG BAU begrüßt diesen Ansatz grundsätzlich, kritisiert jedoch die Umsetzung in Deutschland.
„Wir halten es für problematisch, dass der Mindestlohn oder auch die Höchstarbeitszeit bisher nicht Bestandteil der sozialen Konditionalität sind“, erklärt Beck. Ausbeutung und Lohndumping dürften nicht mit öffentlichen Mitteln finanziert werden.
Besonders kontrovers diskutiert wird die Forderung des Deutschen Bauernverbandes nach einem Mindestlohn-Abschlag für Saisonkräfte von 20 Prozent. Beck weist darauf hin, dass die Mehrheit der Saisonbeschäftigten aus dem europäischen Ausland kommt. „Eine Ausnahme für diese Gruppe wäre eine potenzielle Diskriminierung europäischer Staatsbürger“, warnt der Gewerkschafter.
Immense Bedeutung ausländischer Arbeitskräfte für die Landwirtschaft
Die vor allem aus Osteuropa stammenden Saisonarbeitskräfte haben eine immense Bedeutung für die deutsche Landwirtschaft. „Das sind 28 Prozent aller landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, die über die Grenze zu uns zum Arbeiten kommen“, betont Anja Piel. Inzwischen kommen auch Erntehelfer von außerhalb der EU nach Deutschland, etwa aus Kasachstan und Usbekistan.
Der Anbau von Spargel und anderen Sonderkulturen wäre ohne ausländische Saisonarbeitskräfte in Deutschland nicht möglich. Im vergangenen Jahr klagten viele Arbeitgeber bereits über erhebliche Schwierigkeiten bei der Anwerbung ausreichender Arbeitskräfte. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage, ob eine Ausnahme beim Mindestlohn nicht kontraproduktiv wäre und die Attraktivität Deutschlands als Arbeitsziel weiter mindern würde.
Die IG BAU fordert daher eine konsequente Umsetzung der sozialen Konditionalität, die Einbeziehung des Mindestlohns in die Förderkriterien und eine deutliche Erhöhung der Kontrolldichte. Nur so könnten die Arbeitsbedingungen für Saisonkräfte nachhaltig verbessert und Ausbeutung wirksam bekämpft werden.



