Atempause beim Fahrermangel – doch die Zukunft bleibt angespannt
Derzeit können die Verkehrsunternehmen und ihre Fahrgäste etwas durchatmen: Aufgrund der konjunkturellen Lage bauen viele Branchen Arbeitsplätze ab, sodass die Betriebe vermehrt Quereinsteiger als Fahrer gewinnen können. Das teilte der Präsident des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV), Ingo Wortmann, der Deutschen Presse-Agentur mit. „Die Verkehrsunternehmen bekommen ihren Personalbedarf derzeit vielfach gedeckt“, betonte er. Doch dies sei nur eine Atempause. Die Herausforderungen durch den demografischen Wandel blieben hoch.
Babyboomer gehen in Rente: Über 60.000 Fahrer fehlen bis 2041
40 Prozent der Bus- und Straßenbahnfahrer sind mindestens 55 Jahre alt, wie eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) am arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt. Mehr als 60.000 Fahrer scheiden bis 2041 aus dem Arbeitsmarkt aus. „Diese geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge, die nun nach und nach in Ruhestand gehen, sind deutlich größer als die nachrückenden Generationen“, erklärte Kofa-Studienautor Jurek Tiedemann. Der Jahrgang 1964 sei etwa doppelt so groß wie der 2024. Bereits heute gebe es im ÖPNV personalbedingte Ausfälle und Fahrplananpassungen. „Wenn viele Fahrer in Rente gehen und nicht genügend Personal nachkommt, könnten solche Einschränkungen häufiger werden“, warnte Tiedemann. Dadurch würde die Mobilitätswende ausgebremst.
BVG als prominentes Beispiel: Angebot noch nicht wieder aufgestockt
Ein prominentes Beispiel für die Folgen des Fahrermangels waren vor einigen Jahren die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Aufgrund des Fahrermangels dünnte das Unternehmen einige Buslinien aus. Zuletzt gelang es der BVG zwar, den Personalbedarf zu decken, doch das Angebot konnte Deutschlands größtes Verkehrsunternehmen bisher nicht wieder aufstocken. „Das Phänomen ist ein branchen- und damit bundesweites“, sagte VDV-Präsident Wortmann. „Solche Szenarien sind zwar zum Glück nicht die Regel, kommen aber immer wieder mal vor.“
Jährlich 6.000 Fahrer in Rente – Fünftel mehr Personal nötig
Dem VDV zufolge gehen allein bis 2030 jährlich rund 6.000 Fahrerinnen und Fahrer in den Ruhestand. Um diese Lücke auszugleichen und die politischen Wachstumsziele im öffentlichen Nahverkehr zu erfüllen, bräuchte es bis dahin ein Fünftel mehr Mitarbeiter im Fahrdienst. Bundesweit würden Zehntausende Fahrer für Busse, Straßen- und Stadtbahnen sowie den Bahn-Regionalverkehr gesucht, betonte Wortmann.
Jüngere Generation will Flexibilität – autonome Busse als Hoffnungsträger
Um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben, müssten sich die Unternehmen auf eine neue Kultur einstellen. „Die früheren Generationen waren von einem starken Miteinander und einer kollegialen Solidarität geprägt – man fährt dann für den anderen am Wochenende, springt im Krankheitsfalle ein“, so Wortmann. Die jüngere Generation erwarte hingegen andere Arbeitsbedingungen, etwa flexiblere Arbeitszeitmodelle. Viel erhofft sich die Branche zudem von autonom fahrenden Bussen. „Das Potenzial ist enorm“, betonte Wortmann. Bisher werde der öffentliche Nahverkehr in der politischen Diskussion aber noch zu wenig berücksichtigt. „Die Branche hat die Einsatzmöglichkeiten in Projekten erprobt, doch um wirklich effizient und wirtschaftlich tragfähig in das autonome Fahren einzusteigen, braucht es beim Bus entsprechende Flottengrößen, die eine Skalierung ermöglichen.“ Hier müssten Bund und Länder in Abstimmung mit den Kommunen und der Branche Finanzierungsmöglichkeiten schaffen.
Engpässe auch bei Lkw-Fahrern und Bauberufen
Nicht nur im Nahverkehr, auch bei Lkw-Fahrern drohen zunehmende Engpässe. In den nächsten 10 bis 15 Jahren gehen laut Kofa-Autor Tiedemann rund 200.000 von ihnen in Rente. Stark betroffen sein könnten zudem zentrale Berufe in der Bauwirtschaft. Laut Kofa sind gut 41 Prozent der Spezialisten für die Aufsicht im Hochbau bereits 55 Jahre oder älter. Rechnerisch können heute bereits mehr als 1.200 offene Stellen nicht besetzt werden. „Wenn sich die Engpässe verschärften, kann das Lieferketten und Bauprojekte zusätzlich belasten“, sagt Tiedemann.
Experten empfehlen: Ältere länger im Beruf halten
Die Experten empfehlen, Ältere länger im Erwerbsleben zu halten. Sinnvoll seien altersgerechte Arbeitsgestaltung, flexible Arbeitszeitmodelle, betriebliches Gesundheitsmanagement und Wissenstransfer in altersgemischten Teams. „Unternehmen sollten nicht erst reagieren, wenn der Renteneintritt kurz bevorsteht“, sagt Tiedemann. Wer früh über Arbeitszeit, Wissenstransfer und Weiterbeschäftigung spreche, gewinne Zeit für eine geordnete Nachfolge.



