Ungewöhnliches Wortgefecht beim Stuttgarter Autobauer
Bei Mercedes-Benz ist ein Streit über die Arbeitszeit entbrannt. Aufsichtsratschef Martin Brudermüller hat eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich gefordert. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali wies diese Forderung im SPIEGEL umgehend zurück. Er bezeichnete den Vorstoß als „nicht zielführend“ und betonte, dass die Belegschaft die verkürzten Arbeitszeiten schätze.
Brudermüllers Vorstoß und die Reaktion des Betriebsrats
Brudermüller, der auch Aufsichtsratschef des Chemiekonzerns BASF ist, argumentierte, dass längere Arbeitszeiten notwendig seien, um die Wettbewerbsfähigkeit des Autobauers zu sichern. Er verwies auf die angespannte wirtschaftliche Lage und den zunehmenden internationalen Druck. „Wir müssen alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Kosten zu senken und die Produktivität zu steigern“, so Brudermüller laut einer Mitteilung.
Der Betriebsrat hingegen sieht die Forderung kritisch. Lümali erklärte: „Die 35-Stunden-Woche ist ein hart erkämpfter Erfolg der Arbeitnehmer und hat sich bewährt. Eine Verlängerung ohne Lohnausgleich würde die Beschäftigten einseitig belasten.“ Er forderte stattdessen Investitionen in neue Technologien und bessere Arbeitsbedingungen.
Hintergrund des Arbeitszeitkonflikts
Mercedes-Benz hatte im Jahr 2025 aufgrund der schwächelnden Nachfrage nach Elektroautos Kurzarbeit angemeldet und die Arbeitszeit vorübergehend auf 35 Stunden pro Woche reduziert. Diese Maßnahme sollte Arbeitsplätze sichern und die Produktion flexibler gestalten. Brudermüller will nun zurück zur regulären 40-Stunden-Woche, um die Kosten zu drücken.
Der Konflikt zwischen Aufsichtsrat und Betriebsrat ist ungewöhnlich öffentlich ausgetragen worden. Beide Seiten haben ihre Positionen in Interviews und Stellungnahmen deutlich gemacht. Der Betriebsrat hat bereits angekündigt, notfalls Widerstand zu leisten und die Belegschaft zu mobilisieren.
Auswirkungen auf die Belegschaft und das Unternehmen
Eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich würde für die rund 170.000 Beschäftigten bei Mercedes-Benz in Deutschland eine faktische Gehaltskürzung bedeuten. Der Betriebsrat befürchtet eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und eine höhere Belastung für die Mitarbeiter. Lümali betonte: „Unsere Kolleginnen und Kollegen leisten bereits jetzt hervorragende Arbeit. Wir brauchen keine längeren Arbeitszeiten, sondern eine kluge Strategie für die Zukunft.“
Das Unternehmen selbst hat sich noch nicht offiziell zu der Forderung geäußert. Allerdings ist bekannt, dass der Vorstand unter CEO Ola Källenius die Kosten senken will. Die Diskussion um die Arbeitszeit ist Teil größerer Sparmaßnahmen, die auch Stellenabbau und Investitionskürzungen vorsehen.
Reaktionen aus der Politik und Wirtschaft
Die Debatte hat auch politische Kreise erreicht. Vertreter der IG Metall kritisierten Brudermüllers Vorstoß als „unsozial“ und forderten den Erhalt der 35-Stunden-Woche. Wirtschaftsverbände hingegen zeigten Verständnis für die Forderung und betonten die Notwendigkeit flexibler Arbeitszeiten in der Automobilindustrie.
Der Streit dürfte in den kommenden Wochen weiter eskalieren. Betriebsrat und Gewerkschaften haben bereits weitere Aktionen angekündigt, falls das Unternehmen auf der Forderung beharrt. Brudermüller hingegen bleibt hart: „Wir müssen die Arbeitszeit wieder auf das Niveau der Wettbewerber anpassen, sonst verlieren wir den Anschluss.“



