Volkswagen verliert Aufsichtsrätin Susanne Wiegand
Es ist ein Rückschlag für Volkswagen: Die frühere Chefin des Rüstungszulieferers Renk, Susanne Wiegand, wird dem Aufsichtsrat des Autokonzerns künftig nicht mehr angehören. Eigentlich hätte die 54-Jährige an diesem Donnerstag auf der VW-Hauptversammlung als Mitglied des Gremiums bestätigt werden sollen. Dazu kommt es nun nicht. Zunächst hatten der „Spiegel“ und das „Manager Magazin“ über den überraschenden Schritt berichtet.
Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch erklärte beim Aktionärstreffen, Wiegand habe das Gremium am Mittwoch informiert, dass sie nicht als Kandidatin zur Verfügung stehe. „Wir werden über den Vorschlag zur Wahl von Frau Wiegand daher nicht abstimmen“, sagte Pötsch. Sie scheidet mit Beendigung der Hauptversammlung aus dem Aufsichtsrat aus.
Wiegand bestätigte dem Handelsblatt die Entscheidung. Sie habe sich „nach sorgfältiger Abwägung der Gesamtumstände“ gegen eine erneute Kandidatur entschieden. Aus dem Umfeld ist zu hören, dass Wiegand die Entscheidung nicht spontan getroffen hat, sondern lange mit sich rang, ob sie das Gremium verlassen soll.
Wiegand war erst 2025 in den Aufsichtsrat eingezogen
Ein Sprecher des VW-Aufsichtsrats teilte auf Anfrage mit, der Nominierungsausschuss werde sich „zeitnah“ zusammensetzen, um über eine Nachfolge für Wiegand zu befinden. Wie lang dies genau dauern werde, sagte er nicht. Die Managerin war erst im vergangenen Jahr in das Kontrollgremium eingezogen und hatte dort den Vorsitz des Prüfungsausschusses übernommen. Wiegand selbst war zunächst gerichtlich als Nachfolgerin für die österreichische Managerin Marianne Heiß bestellt worden, die 2025 bei der vorigen Hauptversammlung ihr Mandat niederlegte. An diesem Donnerstag sollte Wiegand schließlich offiziell gewählt werden. Mit ihrem Ausscheiden verliert Volkswagen eines der wenigen Mitglieder auf der Kapitalseite des Aufsichtsrats mit operativer Industrieerfahrung.
Die Betriebswirtin hatte den Panzergetriebehersteller Renk an die Börse geführt und zuvor Führungspositionen bei Rheinmetall und im Schiffbau innegehabt. Außerdem gehört sie der Regierungskommission „Deutscher Corporate Governance Kodex“ an. Nach Angaben aus dem Umfeld des Unternehmens hatte Wiegand in den vergangenen Monaten wiederholt auf Governance-Fragen gedrängt und sich für eine stärkere Kontrolle des Managements eingesetzt. Beobachter beschreiben sie als eine Aufsichtsrätin, die operative und finanzielle Entscheidungen detailliert hinterfragte – offenbar mit begrenzter Wirkung.
Volkswagens Aufsichtsrat unterscheidet sich von den Kontrollgremien vieler anderer Dax-Konzerne. Auf der Kapitalseite sind neben Vertretern der Familien Porsche und Piëch auch Repräsentanten des Landes Niedersachsen und des Wüstenstaats Katar vertreten. Unabhängige Manager mit operativer Führungserfahrung sind vergleichsweise selten. Aktionärsvertreter und Investoren prangern diesen Umstand immer wieder an. Der Corporate-Governance-Experte Christian Strenger sagte am Donnerstag auf der Hauptversammlung, es sei wichtig, dass eine „wirklich unabhängige Person“ im Aufsichtsrat und im Prüfungsausschuss auf Wiegand folge.
Wichtige Weichenstellungen stehen an
Das Timing von Wiegands Rücktritt gilt bei VW intern als maximal unglücklich. Der größte Autobauer Europas steht vor einer Reihe weitreichender Entscheidungen. Der Konzern kämpft mit schwachen Margen, einem verschärften Wettbewerb in China, milliardenschweren Belastungen durch US-Zölle und anhaltend hohen Kostenstrukturen. Konzernchef Oliver Blume hat deshalb ein umfassendes Transformationsprogramm aufgesetzt, das den Autobauer bis zum Ende des Jahrzehnts deutlich profitabler machen soll. Ziel sind acht bis zehn Prozent operative Marge. Im ersten Quartal kamen die Wolfsburger nur auf 3,3 Prozent. Bereits jetzt steht fest, dass in verschiedenen Bereichen des Konzerns bis Ende des Jahrzehnts 50.000 Stellen sozialverträglich wegfallen sollen. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass die bestehenden Sparpakete in diesem Jahr nachgeschärft werden.
Bereits am 9. Juli will der Konzern im Aufsichtsrat ein neues Zielbild beschließen. Der Schnitt gilt als wichtige Weichenstellung für die künftige Ausrichtung. Die Mannschaft um Konzernchef Blume arbeitet seit Monaten daran. Insgesamt will Blume acht Handlungsfelder angehen, wie er auf dem Aktionärstreffen am Donnerstag sagte. Dabei plant das Management unter anderem, die Kapazitäten in den Werken von ehemals zwölf auf neun Millionen Fahrzeuge abzusenken. Vor allem die deutschen Standorte Emden, Zwickau, Neckarsulm und Hannover stehen unter Druck und könnten Volumen und damit auch Arbeitsplätze verlieren. Auch soll Volkswagen insgesamt mit weniger Modellen und Varianten auskommen und sich noch stärker in den verschiedenen Weltmärkten regionalisieren.
„Wir machen den Volkswagen-Konzern zukunftsfähig in einer Weltlage, die sich in den vergangenen Monaten weiter zugespitzt hat“, sagte Blume am Donnerstag. Der Vorstand führe die Transformation derzeit in die nächste Phase – „nicht als Projekt mit Anfang und Ende, sondern als Daueraufgabe“.
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