Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Leitzinsen im Juli 2026 unverändert gelassen – ein Schritt, der nach der Zinserhöhung im Juni auf 2,25 Prozent im Einlagenzins für Verbraucher für eine Pause sorgte. Während die Notenbank die weitere Entwicklung von der Datenlage abhängig macht, zeichnen sich bereits konkrete Erwartungen für den Herbst und den Rest des Jahres ab. Finanzprofis rechnen mehrheitlich mit einer weiteren Zinsanhebung im September, wenngleich die Unsicherheit aufgrund des anhaltenden Inflationsdrucks durch den Konflikt im Nahen Osten hoch bleibt.
EZB-Leitzins: Aktuelle Lage und Prognosen für 2026
Im Juni 2026 hatte der EZB-Rat die drei Leitzinssätze angehoben, wobei der für Sparer und Kreditnehmer relevante Einlagenzins auf 2,25 Prozent stieg. Begründet wurde dieser Schritt mit dem gestiegenen Inflationsdruck infolge des Nahostkonflikts. Im Juli hingegen entschied sich die Notenbank für eine Zinspause – jedoch nicht aus Entwarnung, sondern aufgrund der anhaltenden Unsicherheit. In einer offiziellen Mitteilung erklärte die EZB: „Die Aussichten für die Energiepreise sind zwar sehr volatil, liegen aber derzeit in der Nähe des Basisszenarios der von Fachleuten des Eurosystems erstellten Projektionen vom Juni und deutlich über dem Niveau, das vor dem Konflikt im Nahen Osten verzeichnet wurde.“ Die indirekten Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation seien noch nicht vollständig absehbar, weshalb der Rat die Entwicklung genau beobachte.
Zinserhöhung im September: Experteneinschätzungen zum nächsten Schritt
Für den September 2026 gilt eine weitere Zinserhöhung als wahrscheinlichstes Szenario. Simon Dangoo, Deputy Chief Investment Officer bei Goldman Sachs, erklärt in einem Marktkommentar: „Angesichts der erneuten Eskalation im Nahen Osten und der damit verbundenen Sorge vor Zweitrundeneffekten legt die EZB zunehmend den Fokus auf steigende Inflationsrisiken.“ Sollten die Energiepreise hoch bleiben, sieht Dangoo Spielraum für eine weitere Erhöhung im späteren Jahresverlauf. Jasmin Ehlert, Chefanalystin bei der Zinsplattform Raisin, konkretisiert: „Aktuell ist davon auszugehen, dass der EZB-Einlagenzins das Jahr bei 2,50 Prozent abschließen wird.“ Sie erwartet im Herbst einen Schritt um 25 Basispunkte nach oben, hält einen dritten Zinsschritt 2026 jedoch für unwahrscheinlich. Laura Cooper von Nuveen pflichtet bei: „Die vom Markt eingepreiste Erwartung von mehr als einer weiteren Zinserhöhung in diesem Jahr erscheint angesichts der Risiken für die Wachstumsaussichten aggressiv.“ Somit ist eine Zinserhöhung im September sehr wahrscheinlich, ein weiterer Schritt bleibt jedoch umstritten.
Auswirkungen auf Baufinanzierungen: Hohe Bauzinsen dämpfen Nachfrage
Der EZB-Leitzins beeinflusst die Bauzinsen nicht eins zu eins, prägt jedoch die Erwartungen am gesamten Zinsmarkt. Aktuell liegen die Zinsen für zehnjährige Baufinanzierungen laut Kreditvermittler Baufi24 bei rund vier Prozent – getrieben von hohen Renditen langfristiger Bundesanleihen. Das Neugeschäft bei Wohnungsbaukrediten fiel im Mai 2026 auf 17,2 Milliarden Euro, den niedrigsten Stand seit Ende 2024, wie das Beratungsunternehmen Barkow Consulting ermittelte. Neben saisonalen Effekten dämpfen hohe Bauzinsen, steigende Immobilienpreise und wirtschaftliche Unsicherheit die Nachfrage. „Für Kaufinteressenten ist das zunächst keine einfache Ausgangslage – langfristig dürfte Wohneigentum jedoch kaum günstiger werden“, sagt Oliver Kohnen, Geschäftsführer von Baufi24. Er sieht dennoch Chancen für gut vorbereitete Käufer, da nicht alle Verkäufer auf bessere Bedingungen warten könnten.
Sparer profitieren: Tagesgeld und Festgeld im Aufwind
Für Sparer könnte der EZB-Kurs positive Folgen haben. Sollte die Notenbank die Zinsen ein weiteres Mal anheben, dürften die Konditionen für Tages- und Festgeld anziehen. „Bei den Sparzinsen ist in diesem Jahr mit einem langsamen Aufwärtstrend zu rechnen, getrieben von den Zinserwartungen und dem Wettbewerb zwischen den Banken“, prognostiziert Ehlert. Insbesondere bei Tagesgeld und kürzeren Laufzeiten seien leicht steigende Zinsen wahrscheinlich. Für Anleger bedeutet dies: Wer flexibel bleiben möchte, setzt auf Tagesgeld; wer sich aktuelle Zinsen sichern will, prüft Festgeld. Nach der jüngsten Zinserhöhung im Juni zahlen manche Banken bereits bis zu 4 Prozent auf Tagesgeld – ein Niveau, das bei einer weiteren EZB-Erhöhung noch übertroffen werden könnte.



