Der massive Ausbau der Künstlichen Intelligenz (KI) führt zu steigenden Verbraucherpreisen und könnte eine neue Inflationswelle auslösen. Apple erhöhte die Preise für MacBook, iPad und TV-Box um bis zu 66 Prozent und begründete dies mit den gestiegenen Kosten für Speicherchips. Die Nachfrage nach Halbleitern, Rechenzentren und Strominfrastruktur übersteigt das Angebot, wie Investmentexpertin Nadége Dufossé von Candriam betont: „Ein Teil der Wirtschaft will von allem mehr, und zwar sofort.“
Preissteigerungen bei Elektronik und Strom
Die Preise für Computer-Software und Zubehör stiegen in den USA im Mai um rund 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Haupttreiber ist die explodierende Nachfrage nach leistungsfähigen Speicherchips (HBM) für KI-Datencenter, die schätzungsweise 70 Prozent der weltweiten Produktion absorbieren könnten. Chiphersteller haben die Produktion konventioneller Chips reduziert, was Hersteller von Smartphones, Laptops und Autos hart trifft. Microsoft erhöhte den Preis für seine Xbox um 100 Dollar, Nintendo für die Switch 2 um 50 Dollar. GoPro äußerte sogar Zweifel an der Fortführung des Geschäfts.
Der Energiehunger der Hyperscaler treibt auch die Strompreise. Die Internationale Energieagentur erwartet eine Verdopplung des Stromverbrauchs von Rechenzentren bis 2030. In den USA stieg die Stromproduktion im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent, was laut David Kelly von JP Morgan größtenteils auf Datenzentren zurückzuführen ist. Die Verbraucher zahlten im März 4,6 Prozent mehr für Strom als ein Jahr zuvor. Allerdings ist der Effekt auf die Gesamtinflation begrenzt, da Strom im Warenkorb nur mit 2,5 Prozent gewichtet ist.
KI treibt Kerninflation um bis zu 0,6 Prozentpunkte
Der Notenbankexperte Krishna Guha von Evercore ISI schätzt, dass KI die Kerninflation bereits um 0,25 bis 0,3 Prozentpunkte erhöht. Zum Jahreswechsel könnte dieser Anteil auf bis zu 0,6 Prozentpunkte steigen. Moody's Chefökonom Mark Zandi warnte: „Die Preise für fast alle Konsumgüter werden steigen.“ Jim Caron von Morgan Stanley erklärt: „Der Wettbewerb um den Aufbau dieser Infrastruktur ist so intensiv, dass Unternehmen bereit sind, nahezu jeden Preis zu zahlen. Diese zusätzlichen Kosten werden letztlich an die Verbraucher weitergegeben.“
Die größten Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Alphabet, Oracle und Meta – planen für dieses Jahr Ausgaben von über 700 Milliarden Dollar. Goldman Sachs rechnet mit Investitionen von mehr als fünf Billionen Dollar zwischen 2025 und 2030.
Notenbanken vor neuer Herausforderung
Für die Zentralbanken stellt die KI-Inflation eine weitere Herausforderung dar, nach Zöllen und höheren Ölpreisen. Fed-Chef Kevin Warsh erkannte auf dem EZB-Forum in Sintra an, dass der KI-Boom in den USA die Investitionsausgaben antreibt. Auf die Frage, ob dies inflationär sei, antwortete er: „Kurzfristig können wir die Auswirkungen auf der Nachfrageseite beobachten. Aber ob sich das auf einen breiteren Warenkorb auswirkt – dazu kann ich Ihnen nichts sagen.“ Warsh hält KI langfristig für eine „bedeutende disinflationäre Kraft“, doch der Zeitpunkt ist ungewiss.
EZB-Chefin Christine Lagarde betonte die hohe Geschwindigkeit der KI-Verbreitung und die Notwendigkeit neuer Messgrößen und Instrumente. Biagio Bossone warnt, dass sich das Zeitfenster für Notenbanker verkleinert, da sich Preise schneller anpassen und die Dauerhaftigkeit schwerer einzuschätzen ist. Krishna Tewari von Fisch Asset Management sieht sowohl inflationssteigernde als auch -senkende Effekte: „Der Nettoeffekt auf die Inflation bleibt daher offen und hängt letztlich davon ab, welcher dieser beiden Effekte überwiegt.“
Zinssenkungen vorerst unwahrscheinlich
David Kelly von JP Morgan geht davon aus, dass KI erst in einigen Jahren disinflationär wirken wird. Eine Lockerung der Geldpolitik sei kurzfristig nicht gerechtfertigt. Zinssenkungen gelten daher als nahezu ausgeschlossen. Warsh selbst hatte sich in der Vergangenheit gegen ein zu frühes Eingreifen ausgesprochen: „Die Zentralbanker müssen es zulassen, dass der Produktivitätsboom die Preise weiter senkt, anstatt zu sagen: ‚Oh Gott, die Wirtschaft ist zu stark. Wir sollten das besser stoppen‘.“ Er bezeichnet die aktuelle Zeit als „so spannend und folgenreich für Zentralbanker, wie ich sie außerhalb einer akuten Krise noch nie erlebt habe.“



