Warum der Dax trotz Wirtschaftsflaute Rekorde feiert
Warum der Dax trotz Wirtschaftsflaute Rekorde feiert

Der Dax ist am Montag auf ein neues Rekordhoch geklettert. Auslöser des Kurssprungs war die Hoffnung auf eine Entspannung im Konflikt zwischen den USA und dem Iran. Doch der Erfolg des Leitindex wirft eine grundlegende Frage auf, die viele Anleger umtreibt: Warum feiert der deutsche Aktienmarkt seit Jahren Rekorde, während die größte Volkswirtschaft Europas in einer Wachstumsschwäche steckt?

Deutschland befindet sich schon seit längerem in einer wirtschaftlichen Schwächephase. Die Unternehmen bauen Arbeitsplätze ab, die Auftragsbücher sind vielerorts dünner geworden, und das Bruttoinlandsprodukt wächst nur noch minimal. Auf dem Börsenparkett ist von dieser tristen Lage jedoch kaum etwas zu spüren. Der Dax marschiert von einem Hoch zum nächsten und hat zuletzt erneut ein Allzeithoch markiert.

Ein Missverständnis über den Dax

Die Antwort auf dieses Paradoxon beginnt mit einem häufigen Missverständnis. Wer auf den Dax blickt, glaubt oft, ein möglichst genaues Abbild der deutschen Wirtschaft vor sich zu haben. Tatsächlich spiegelt der Leitindex in erster Linie den Erfolg globaler Konzerne wider, die ihren Hauptsitz in Deutschland haben. Diese Unternehmen sind kaum noch abhängig von der konjunkturellen Entwicklung zwischen Flensburg und Garmisch.

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Nach Berechnungen der Dekabank erwirtschaften die 40 Dax-Konzerne inzwischen rund 80 Prozent ihres Umsatzes im Ausland. Ob SAP in den Vereinigten Staaten Software verkauft, Airbus Verkehrsflugzeuge nach Südostasien liefert oder Rheinmetall von den weltweit steigenden Verteidigungsausgaben profitiert: Diese Geschäfte hängen nur wenig von der deutschen Binnennachfrage ab. Das Ausland ist für die Indexschwergewichte längst zum wichtigsten Markt geworden, Deutschland spielt oft nur noch eine untergeordnete Rolle.

Rekorddividenden als Beleg der Entkopplung

Dass sich die Unternehmensgewinne von der hiesigen Konjunktur entkoppelt haben, zeigt sich auch bei den Dividenden. Nach Berechnungen der Dekabank schütten die Dax-Unternehmen in diesem Jahr knapp 57 Milliarden Euro an ihre Aktionäre aus – so viel wie nie zuvor. Eine solche Rekordausschüttung wäre kaum denkbar, wenn die Gewinne der Konzerne so sehr gelitten hätten wie die deutsche Volkswirtschaft insgesamt.

Hinzu kommt, dass international orientierte Anleger Europa wieder stärker ins Visier nehmen. Nachdem jahrelang vor allem amerikanische Technologiewerte die Anlagestrategien bestimmt haben, gelten viele europäische Unternehmen inzwischen als vergleichsweise günstig bewertet. Diese Neuausrichtung von Portfolios beschert auch dem Dax zusätzlichen Rückenwind. Der deutsche Leitindex profitiert also gleich doppelt: von den hohen Gewinnen der global ausgerichteten Konzerne und von der wiederbelebten Nachfrage internationaler Investoren.

Der MDax zeigt die Probleme der heimischen Wirtschaft

Ein deutlich realistischeres Bild davon, wie es der deutschen Wirtschaft tatsächlich geht, zeichnet der MDax. In diesem Index sind viele mittelgroße Unternehmen vertreten, deren Geschäft in hohem Maße am Standort Deutschland hängt. Dazu zählen bekannte Namen wie die Lufthansa, aber auch der Verpackungshersteller Gerresheimer und die Werbefirma Ströer. Viele von ihnen produzieren schwerpunktmäßig in Deutschland, bezahlen hier hohe Energie- und Arbeitskosten und sind zugleich stark vom schwächelnden Chinageschäft abhängig.

Genau dadurch schlagen sich die strukturellen Probleme der deutschen Volkswirtschaft im MDax deutlich stärker nieder als im Dax. Die Firmen kämpfen mit den gleichen Herausforderungen wie der gesamte Mittelstand: hohe Lohnkosten, energieintensive Produktion, bürokratische Hürden und eine verhaltene Nachfrage aus dem In- und Ausland. Der Unterschied in der Kursentwicklung ist entsprechend groß. Während der Dax in den vergangenen drei Jahren rund 65 Prozent zulegte, gewann der MDax lediglich 16 Prozent.

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Auch der MDax ist nur ein Teil des Mittelstands

Allerdings gilt auch für den MDax eine wichtige Einschränkung: Er bildet den Mittelstand ebenfalls nicht vollständig ab. Viele inhabergeführte Familienunternehmen, die unter hohen Energiekosten, Fachkräftemangel und schwacher Nachfrage leiden, sind nicht an der Börse notiert. Sie bekommen die Wirtschaftskrise unmittelbar zu spüren, tauchen in den Indizes aber gar nicht auf. Wer den Zustand der deutschen Wirtschaft am Aktienmarkt ablesen will, schaut deshalb auf den falschen Index – und vielfach sogar auf die falschen Unternehmen.

Für Anleger bedeutet das in der Konsequenz: Der Dax ist kein Konjunkturbarometer, sondern ein global aufgestellter Aktienindex, der zufällig in Frankfurt berechnet wird. Wer aus der Entwicklung des Leitindex Rückschlüsse auf die deutsche Wirtschaft ziehen will, muss zwangsläufig zu falschen Ergebnissen kommen. Entscheidend bleibt die Erkenntnis, dass Börsenentwicklung und Konjunktur in Zeiten globalisierter Märkte immer weiter auseinanderlaufen können.