Die Inflation im Euroraum bleibt nach Einschätzung führender EZB-Geldpolitiker trotz der jüngsten Leitzinserhöhung weiterhin erhöht. Bundesbankpräsident Joachim Nagel und EZB-Chefvolkswirt Philip Lane äußerten sich auf dem EZB-Forum im portugiesischen Sintra vorsichtig zu den Inflationsaussichten und verwiesen auf die noch nicht abgeschlossenen Nachwirkungen des Konflikts im Nahen Osten.
Nagel: Inflationsrate wird deutlich über Ziel bleiben
Bundesbankchef Joachim Nagel sieht die Inflationsgefahr im Euroraum noch längst nicht gebannt. „Ich erwarte, dass die Inflationsrate deutlich über unserem Ziel bleiben wird“, sagte Nagel am Dienstag dem Sender CNBC mit Blick auf die von der EZB angestrebte Teuerungsrate von 2,0 Prozent. Der Energiepreisschock, der mit dem Konflikt im Nahen Osten aufgekommen sei, sei noch nicht vorbei. „Er ist noch im System“, fügte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank hinzu.
Der Rückgang der Ölpreise sei zwar eine Überraschung, doch bleibe die Lage im Nahen Osten „sehr undurchsichtig“. Auf die Frage, ob er eine weitere Zinserhöhung für angebracht halte, sagte Nagel, es sei noch zu früh, darüber eine Entscheidung zu treffen. Er wolle abwarten, bis sich ein klareres Bild abzeichne.
Nächste Zinssitzungen im Juli und September
Auf der nächsten Zinssitzung im Juli werde es die Möglichkeit geben, den weiteren geldpolitischen Kurs abzustecken. Nagel verwies zugleich auf die übernächste Sitzung im September, bei der aktualisierte Prognosen des EZB-Stabs vorgelegt würden. „Ich werde mir alle Optionen offenhalten“, fügte er hinzu.
Die EZB hatte am 11. Juni erstmals seit fast drei Jahren eine Leitzinserhöhung gewagt und den Schlüsselsatz von 2,0 auf 2,25 Prozent angehoben. Die Notenbank der Euro-Zone dürfte aus Sicht der deutschen EZB-Direktorin Isabel Schnabel die Zinszügel noch weiter anziehen. „Um die Inflation mittelfristig wieder auf unseren Zielwert von zwei Prozent zurückzubringen, werden wir aus heutiger Sicht die Zinsen weiter anheben müssen“, sagte sie jüngst in einem „Zeit“-Interview.
Lane rechnet mit weiteren Effekten des Irankriegs
Auch EZB-Chefvolkswirt Philip Lane sieht ein Ende der Folgen des Irankriegs noch nicht gekommen. Es dürfte noch einige Zeit dauern, bis sich die Folgewirkungen höherer Energiepreise zeigen, sagte er in einem Bloomberg-Interview. Die Verantwortlichen seien entschlossen, sich bei der Ausrichtung der Geldpolitik „keine Optionen zu verbauen“, sagte er. Eine weitere Erhöhung der Kreditkosten schloss er dabei nicht aus.
„Der Zweitrundeneffekt dürfte einige Zeit brauchen“, sagte Lane am Dienstag in Sintra. Lane, der seinen Kollegen im EZB-Rat geldpolitische Vorschläge unterbreitet, hatte bereits vergangene Woche gewarnt, die Inflation dürfte „noch für geraume Zeit“ über dem Zielwert verharren. „Wir müssen uns ansehen, wie die vier Monate steigender Energiekosten insbesondere auf die Inflation bei Lebensmitteln und Dienstleistungen durchschlagen“, sagte Lane am Dienstag.



