Die Zukunft des deutschen Gasnetzes sorgt für heftige Diskussionen in der Energiebranche. Während die Bundesregierung den Ausstieg aus der Erdgasnutzung bis 2045 plant, warnen Gasunternehmen vor einer voreiligen Stilllegung der Infrastruktur. „Wir sollten nicht leichtfertig Infrastruktur aus der Hand geben, die uns bei der Transformation wertvolle Dienste erweisen kann“, sagte Bengt Bergt vom Verband der Gas- und Wasserstoffwirtschaft dem Handelsblatt.
Millionen Haushalte und Industrie betroffen
Das Thema betrifft Millionen Menschen: Über 50 Prozent der 43 Millionen Wohnungen in Deutschland werden mit Erdgas beheizt. Auch viele Industriebetriebe und Gaskraftwerke sind auf die fossile Energie angewiesen. Der Ausstieg ist jedoch beschlossene Sache – Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein, und fossiles Erdgas hat darin keinen Platz.
Das Bundeswirtschaftsministerium hat eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) vorgelegt, die den Rechtsrahmen für den Weiterbetrieb, die Umstellung oder Stilllegung von Gasnetzen klären soll. Das Bundeskabinett hat die Novelle im März verabschiedet, das parlamentarische Verfahren soll vor der Sommerpause abgeschlossen werden.
Gasbranche kritisiert falsche Schwerpunkte
Die Gaswirtschaft zeigt sich unzufrieden mit dem Entwurf. „Er setzt falsche Akzente, indem er das schnelle Abschalten von Gasnetzen attraktiv erscheinen lässt, noch ehe verlässlich für ausreichend Ersatz gesorgt wurde“, kritisierte Bergt. Allein mit Strom aus erneuerbaren Quellen lasse sich die Transformation nicht bewältigen. Die Branche setzt auf Biomethan und synthetisches Methan, die über die bestehenden Gasnetze transportiert werden könnten.
Neue Argumente liefert eine Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität Köln (EWI), die im Auftrag des Branchenverbands erstellt wurde. Demnach ist der Transport von Energie per Stromleitung wesentlich teurer als per Gasleitung. Die Gesamtkosten für den Transport einer Kilowattstunde Strom stiegen von 3 Cent im Jahr 2010 auf 9 Cent im Jahr 2024. Bei Gas blieben sie nahezu konstant: 2010 waren es 1,14 Cent, 2024 lag der Wert bei 1,23 Cent.
Milliardenschwerer Netzausbau treibt Stromkosten
Der massive Ausbau der Stromnetze treibt die Kosten in die Höhe. In den kommenden Jahren sollen laut Netzbetreibern dreistellige Milliardenbeträge investiert werden. „Wir haben ein bezahltes Netz im Boden liegen, das auch in einer dekarbonisierten Wirtschaft eine wichtige Funktion übernehmen kann“, sagte Bergt. Es sei töricht, sich voreilig von diesem Asset zu verabschieden.
Klimaschutzorganisationen sehen das anders. Sie fordern eine konsequente Elektrifizierung der Sektoren Verkehr, Gebäude und Industrie und warnen vor hohen Kosten für die letzten Gasnetznutzer. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts Ifam zeigte, dass sich die Gasnetzentgelte für einen Durchschnittshaushalt mit 15.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch im ungünstigsten Fall von wenigen Hundert Euro auf bis zu 4300 Euro verteuern könnten.
Streit um Stilllegungsplanung
Die Autoren der Fraunhofer-Studie kritisieren, der EnWG-Entwurf lasse zu viel Ermessensspielraum. „Es muss deutlich mehr Verbindlichkeit in die Stilllegungsplanung“, sagte Roland Meyer. Till Irmisch vom Umweltinstitut München pflichtet bei: „Je früher man mit der schrittweisen Stilllegung von Netzteilen beginnen kann, desto geringer fällt der Anstieg der Netzentgelte aus.“
Bergt hält die Befürchtungen für übertrieben. Selbst wenn 50 Prozent der Gaskunden abspringen, würden die Netzkosten von 1,2 Cent auf 2,4 Cent pro Kilowattstunde steigen. „Im Vergleich zu Stromnetzkosten von neun Cent je Kilowattstunde ist das verkraftbar“, betonte er.
Branche fordert langfristige Garantien
Die Gasbranche fordert zudem eine gesetzliche Garantie für Netzanschlüsse von mindestens 20 Jahren – sowohl für neue als auch bestehende Biomethan-Anlagen. Die EnWG-Novelle sieht derzeit vor, dass Netzbetreiber Kunden mit zehn Jahren Vorlauf vom Netz nehmen können. Dies stehe im Widerspruch zum Ziel, klimaneutrales Gas voranzubringen, so die Branche.



