Wenn Sandra Ludwig auf einer Party von ihrem Job erzählt, machen die Leute große Augen. Die Ingenieurin ist derzeit auf der Offshore-Anlage Mittelplate in der Nordsee vor der Küste Schleswig-Holsteins im Einsatz. Rund 90 Menschen arbeiten dort rund um die Uhr. Ludwig ist eine der wenigen Frauen auf der Plattform und die Einzige, die direkt an den Bohrungen beteiligt ist.
Die 51-Jährige ist vor einigen Tagen ab Cuxhaven mit dem Schiff angereist, um die 33. Bohrung im größten deutschen Ölfeld mitzubetreuen. Zusammen mit ihrem Kollegen Martin Jonink steuert sie den mit Industriediamanten belegten Bohrkopf durch das Sedimentgestein. „Wir sind sehr spezialisiert auf das, was wir machen“, sagt Ludwig. Die notwendigen Daten überwachen sie auf zehn Bildschirmen.
Seit Inbetriebnahme der Bohrinsel 1987 wurden dort bereits 43 Millionen Tonnen Öl gefördert. Täglich fließen 2,5 Millionen Liter Erdöl durch eine unterirdische Pipeline im Wattenmeer nach Friedrichskoog. Das Rohöl wird in Raffinerien zu Kerosin, Bitumen oder petrochemischen Produkten verarbeitet. Die deutsche Erdölförderung trug 2024 jedoch nur zu zwei Prozent zur Deckung des bundesweiten Verbrauchs bei.
Das Leben auf der Plattform ist streng organisiert: Alle arbeiten im Zwölf-Stunden-Rhythmus. Ludwig hatte Nachtschicht und teilt sich eine Kammer mit einer Kollegin aus der Tagesschicht. In ihrer Freizeit nutzt sie die Sauna, den Fitnessraum oder organisiert Kinoabende. „Wir sind hier alle sehr familiär miteinander“, sagt sie. Zwei Wochen bleibt sie auf der Plattform, dann hat sie zwei Wochen frei.
Die Plattform ist fast so groß wie ein Fußballfeld, der 70 Meter hohe Bohrturm überragt alles. In der Bohranlage werden neun Meter lange Rohre ineinander verschraubt und in den Wattenmeerboden versenkt. Die Arbeit ist längst Hightech: Martin Jonink steuert die Richtung des Bohrlochs, das nicht einfach senkrecht nach unten geht.
Gegen die Ölförderung im Wattenmeer hat die Deutsche Umwelthilfe Klage eingereicht. Spätestens 2041 ist mit der Offshore-Förderung Schluss, da die Kieler Landesregierung keine neuen Genehmigungen mehr erteilt. Bis dahin fördert Mittelplate weiter – unter anderem mit Ingenieuren wie Sandra Ludwig und Martin Jonink.



