Strompreise in Deutschland: Symptombehandlung statt echter Lösung
Strompreise: Symptombehandlung statt echter Lösung

Im Juli 2026 beschloss der Koalitionsausschuss der schwarz-roten Bundesregierung nach zehnstündigen Verhandlungen 34 Maßnahmen. Die Ziele: Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit, Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen sowie Reformen bei Rente und Arbeitsmarkt. Doch das Kernproblem der deutschen Industrie – die hohen Strompreise – blieb unerwähnt.

Strompreise als Standortnachteil

Die Situation ist nicht neu, aber die Dringlichkeit nimmt zu. Hohe Strompreise sind ein essenzieller Standortnachteil und schwächen die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. Bereits im Oktober 2023 sprach Daniel Stelter mit dem Energieökonomen Dr. Lion Hirth, Professor für Energiepolitik an der Hertie School in Berlin, über dieses Thema. In der Podcast-Folge „Strom bleibt teuer“ (Folge #213) fiel Hirths Analyse nüchtern und nachdrücklich aus: Am Markt zeige sich keine schnelle Rückkehr zu den günstigen Preisen der 2010er-Jahre. Die Politik verwechsle Symptombehandlung mit echter Lösung.

Zweieinhalb Jahre später: Preise gestiegen

Zweieinhalb Jahre später hat sich die Diagnose nicht nur bestätigt, sondern der Strompreis ist sogar gestiegen. Das Gespräch von 2023 ist heute noch relevanter. Die zentralen Fragen: Warum ist Strom so teuer geworden? Welche Rolle spielt die Merit Order bei der Preisbildung? Was sagt der Terminmarkt? Wie viele Backup-Kraftwerke werden tatsächlich benötigt – und wer bezahlt sie?

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Merit Order und Kostenfaktoren

Laut Hirth bestimmt die Merit-Order-Reihenfolge den Strompreis: Die teuerste noch benötigte Kraftwerksart setzt den Preis für alle. In Deutschland sind das oft Gaskraftwerke, deren Betrieb durch hohe CO₂-Preise und teure Brennstoffe verteuert wird. Hinzu kommen Netzentgelte, Umlagen und Steuern, die den Endkundenpreis in die Höhe treiben. Eine schnelle Entspannung sei nicht in Sicht, so Hirth.

Politik ignoriert strukturelle Probleme

Die Bundesregierung setze auf kurzfristige Symptombekämpfung statt auf strukturelle Reformen, kritisierte Hirth bereits 2023. Subventionen oder Preisdeckel könnten temporär entlasten, lösten aber nicht die Ursachen: unzureichender Netzausbau, fehlende Speicherkapazitäten und eine unsichere Versorgungslage. Der Koalitionsausschuss im Juli 2026 habe diese Probleme erneut übergangen – ein fatales Signal für die Industrie.

Industrie fordert klare Strategie

Wirtschaftsverbände und Energieexperten fordern seit langem eine konsistente Energiepolitik. Dazu gehören günstigere Netzentgelte, eine Reform der Stromsteuer und der Ausbau erneuerbarer Energien mit Speicherlösungen. Ohne solche Maßnahmen bleibe Deutschland im internationalen Vergleich teuer – mit negativen Folgen für Investitionen und Arbeitsplätze. Der McKinsey-Bericht „Catalyzing Competitiveness“ (Juni 2026) hebt hervor, dass Industriestrompreise in Deutschland doppelt so hoch sind wie in den USA oder Frankreich.

Die Zeit drängt: Jedes Jahr ohne echte Reformen verschärft den Standortnachteil. Die Politik muss von der Symptombehandlung zur Ursachenbekämpfung übergehen – sonst droht ein weiterer Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.

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