Sparkassen starten Offensive gegen Neo-Broker: Millionen sollen zu Wertpapier-Anlegern werden
Die deutschen Sparkassen haben eine umfassende Initiative gestartet, um mehr Privatkunden zu Wertpapieranlegern zu machen und zugleich Gelder für europäische Investitionen zu mobilisieren. Hintergrund sind Milliardenbeträge, die derzeit auf niedrig verzinsten Tagesgeldkonten schlummern und durch Inflation an Wert verlieren.
Milliarden auf Tagesgeldkonten: Ein ungenutztes Potenzial
Bei den 339 Sparkassen in Deutschland erhöhten sich die Sichteinlagen im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um fast 48 Milliarden Euro auf insgesamt 845,1 Milliarden Euro. Diese Gelder sind in der Regel unverzinst oder bringen nur minimale Zinserträge. „Gerade in unsicheren Zeiten will man liquide bleiben. Faktisch verliert man damit aber Geld“, erklärte Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), in Frankfurt.
Nach Analysen von Vergleichsportalen wie Verivox zahlen die öffentlich-rechtlichen Sparkassen im Durchschnitt sogar noch weniger Zinsen auf Tagesgeldkonten als überregionale Kreditinstitute. Dabei investierten die Privatkunden der Sparkassen laut Jahresbilanz bereits stärker in Wertpapiere wie Fonds und ETFs: Der Nettoabsatz lag mit 18,4 Milliarden Euro deutlich über dem Vorjahresergebnis. Vor allem mit Blick auf das Rekordjahr 2023 sei aber noch erhebliches Potenzial vorhanden, betonte Reuter.
S-Neo: Die neue Wertpapier-Plattform der Sparkassen
Mit der neuen Plattform „S-Neo“ ermöglichen die Sparkassen künftig den Handel von mehr als 21.000 Wertpapieren direkt in der Sparkassen-App. Zunächst soll das Angebot den 19,8 Millionen Nutzern der Sparkassen-App zur Verfügung stehen. Perspektivisch ist geplant, die Plattform auch für Menschen zu öffnen, die bislang noch keine Sparkassenkunden sind.
„Die Preisentscheidung liegt bei den Instituten selbst. Ich habe aber die Erwartung, dass S-Neo in der Angebotsbreite und bei den Preisen absolut wettbewerbsfähig zu anderen Neo-Brokern sein wird“, sagte Reuter. „Wir glauben sogar, dass wir im Gesamtpaket besser sein werden als jeder heutige Neo-Broker.“
Europäische Investitionen im Fokus
Die Sparkassen sehen in der Mobilisierung privaten Kapitals auch eine wichtige politische Dimension. „Das politische Interesse in Europa sollte sich stärker darauf richten, europäisches Kapital für europäische Investments zu gewinnen. Da wünschen wir uns mehr den Fokus auf ganz normale Privatanleger“, forderte Reuter.
Der DSGV-Präsident regte an, gemeinsam neue Modelle für eine Mobilisierung privaten Kapitals für europäische Infrastrukturen zu entwickeln. „Und dem mindestens genau so viel Aufmerksamkeit wie einer europäischen Kapitalmarktunion zu schenken“, fügte er hinzu.
Wirtschaftliche Grundlage der Sparkassen
Die Sparkassen führen inzwischen fast acht Millionen Depots für ihre Kundinnen und Kunden. Für das Jahr 2025 ergab sich nach vorläufigen Zahlen ein Vorsteuergewinn von 7,9 Milliarden Euro (2024: 7,4 Milliarden Euro). Unter dem Strich blieb der Überschuss mit 2,8 Milliarden Euro unverändert.
Die öffentlich-rechtlichen Institute sehen in der Aktivierung der auf Tagesgeldkonten geparkten Milliarden ein erhebliches wirtschaftliches Potenzial. Mit der S-Neo-Plattform wollen sie nicht nur mit etablierten Neo-Brokern konkurrieren, sondern auch einen Beitrag zur Stärkung europäischer Investitionen leisten.



