Sparkassen starten Offensive: Wertpapiere statt Tagesgeld soll Milliarden mobilisieren
Die deutschen Sparkassen haben eine klare Mission: Sie wollen die Milliardenbeträge, die aktuell auf niedrig verzinsten Tagesgeldkonten schlummern, in produktivere Anlageformen lenken. Mit einer neuen digitalen Offensive im Stil moderner Neo-Broker sollen Millionen Privatkunden zu aktiven Wertpapieranlegern werden. Diese Bewegung soll nicht nur den Anlegern höhere Renditen bringen, sondern zugleich dringend benötigtes Kapital für europäische Infrastrukturprojekte mobilisieren.
Das Problem: Riesige Summen auf unrentablen Konten
Die Zahlen sind beeindruckend und gleichzeitig problematisch: Bei den 339 öffentlich-rechtlichen Sparkassen in Deutschland haben sich die Sichteinlagen – die in der Regel überhaupt keine Zinsen abwerfen – im Jahr 2025 um fast 48 Milliarden Euro auf insgesamt 845,1 Milliarden Euro erhöht. Diese Entwicklung findet in einer Zeit statt, in der viele Deutsche zwar fleißig sparen, ihr Geld aber auf Tagesgeldkonten parken, wo es durch die Inflation faktisch an Wert verliert.
„Gerade in unsicheren Zeiten will man liquide bleiben. Faktisch verliert man damit aber Geld“, erklärt Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), die paradoxe Situation. Analysen von Vergleichsportalen wie Verivox zeigen zudem, dass Sparkassen im Durchschnitt sogar noch deutlich weniger Zinsen auf Tagesgeld zahlen als überregionale Kreditinstitute.
Die Lösung: Digitale Wertpapieroffensive S-Neo
Die Antwort der Sparkassen auf dieses Problem heißt S-Neo – eine neue Handelsplattform, die direkt in die bestehende Sparkassen-App integriert wird. Mit diesem Angebot ermöglichen die Institute künftig den Handel von mehr als 21.000 verschiedenen Wertpapieren. Zunächst steht S-Neo den 19,8 Millionen Nutzern der Sparkassen-App zur Verfügung, perspektivisch soll das Angebot aber auch für Nicht-Sparkassenkunden geöffnet werden.
„Die Preisentscheidung liegt bei den Instituten selbst. Ich habe aber die Erwartung, dass S-Neo in der Angebotsbreite und bei den Preisen absolut wettbewerbsfähig zu anderen Neo-Brokern sein wird“, betont Reuter. „Wir glauben sogar, dass wir im Gesamtpaket besser sein werden als jeder heutige Neo-Broker.“
Europäisches Kapital für europäische Projekte
Hinter der Initiative steht nicht nur das geschäftliche Interesse der Sparkassen, sondern auch eine politische Vision. Reuter fordert eine stärkere Fokussierung auf die Mobilisierung privaten Kapitals für europäische Investitionen: „Das politische Interesse in Europa sollte sich stärker darauf richten, europäisches Kapital für europäische Investments zu gewinnen. Da wünschen wir uns mehr den Fokus auf ganz normale Privatanleger.“
Die Sparkassen regen konkret an, gemeinsam neue Modelle für die Mobilisierung privaten Kapitals für europäische Infrastrukturen zu entwickeln. Dieser Ansatz sollte nach Ansicht des Verbands mindestens genauso viel Aufmerksamkeit erhalten wie die Diskussion um eine europäische Kapitalmarktunion.
Erste Erfolge und weiteres Potenzial
Bereits jetzt zeigen sich positive Entwicklungen: Laut Jahresbilanz investieren Privatkunden der Sparkassen verstärkt in Wertpapiere wie Fonds und ETFs. Der Nettoabsatz – also Käufe minus Verkäufe – lag mit 18,4 Milliarden Euro deutlich über dem Vorjahresergebnis. Die Sparkassen führen inzwischen fast acht Millionen Depots für ihre Kundinnen und Kunden.
Trotz dieser Erfolge sehen die öffentlich-rechtlichen Institute noch erhebliches Potenzial, insbesondere im Vergleich zum Rekordjahr 2023. Die finanziellen Grundlagen für die Expansion sind solide: Für 2025 ergab sich für die Sparkassen nach vorläufigen Zahlen ein Vorsteuergewinn von 7,9 Milliarden Euro (2024: 7,4 Milliarden). Unter dem Strich bleiben unverändert 2,8 Milliarden Euro Überschuss. Die endgültige Bilanzierung erfolgt im kommenden Jahr.
Mit ihrer doppelten Strategie – einerseits die Attraktivität von Wertpapieranlagen für Privatkunden zu erhöhen, andererseits europäisches Kapital für europäische Projekte zu mobilisieren – positionieren sich die Sparkassen als aktiver Gestalter der deutschen und europäischen Finanzlandschaft.



