Die Reformpläne der Koalition gehen dem Chef des Autozulieferers PWO nicht weit genug. Carlo Lazzarini, Vorstandsvorsitzender der PWO AG mit Sitz in Oberkirch, sieht in dem Paket einen ersten Schritt – aber nur einen kleinen. In einem Gastkommentar schreibt er: „Dass es jetzt passiert, ist gut. Dass es nicht reicht, ist die nüchterne Realität.“
Die PWO AG ist ein weltweit tätiger Automobilzulieferer. Das Unternehmen erwirtschaftet rund eine halbe Milliarde Euro Umsatz und betreibt Werke in Deutschland, Tschechien, Serbien, China, Kanada, Mexiko und den USA. Diese Präsenz verschafft Lazzarini jeden Monat einen direkten internationalen Vergleich: Wie schlägt sich der Standort Oberkirch gegen Kitchener in Kanada, Suzhou in China oder Cacak in Serbien? Sein Fazit fällt seit Jahren gleich aus: „Alle wachsen, nur der deutsche Standort wird immer unprofitabler.“
Reformpaket mit begrenzter Wirkung
Das Reformpaket enthält aus Sicht Lazzarinis durchaus wichtige Themen: Bürokratieabbau, Arbeitsmarktflexibilisierung, Leistungsgedanke und Automobilförderung. Der Manager betont, dass der industrielle Mittelstand diese Punkte lange gefordert habe. Nun werde das angepackt – das verdiene Anerkennung. Doch eine echte Wende am deutschen Produktionsstandort erwartet Lazzarini nicht.
Gemeinsam mit seinem Team habe er das Reformpaket durchgearbeitet und nach der konkreten Wirkung für das Werk in Oberkirch gefragt. Die Antwort sei ernüchternd gewesen. In der Praxis ändere das Reformpaket wenig, so sein Resümee.
EU-Recht und Kapitalmarktrecht als Grenzen
Ein wesentlicher Grund dafür liege in der Struktur der bürokratischen Lasten. Der überwiegende Teil der Berichtspflichten, die Unternehmen in Deutschland erfüllen müssen, basiere auf EU-Recht und auf Kapitalmarktrecht. Beide Rechtsbereiche könne ein deutsches Bundesgesetz nicht verändern, erklärt Lazzarini. Damit bleibe ein Großteil der Belastung bestehen – unabhängig davon, was auf nationaler Ebene beschlossen werde.
Für den CEO zeigt das die Grenzen nationaler Politik auf. Wer Bürokratie wirksam abbauen wolle, müsse auf europäischer Ebene handeln und auch die Kapitalmarktregulierung überdenken. Davon sei man allerdings noch weit entfernt.
Deutsche Standorte bleiben zurück
Der Blick auf die internationalen Standorte verdeutlicht laut Lazzarini den Handlungsdruck. Während die PWO-Werke in Kanada, China und Serbien wachsen, verliere der deutsche Standort kontinuierlich an Wettbewerbsfähigkeit. Lazzarini führt dies nicht nur auf Bürokratie zurück, sondern auch auf strukturelle Kosten und Rahmenbedingungen. Der Rückstand des industriellen Mittelstands sei so groß, dass radikale Änderungen nötig seien.
Die Reformen seien ein Anfang, betont er. Aber um die Abwanderung von Produktion und Arbeitsplätzen zu stoppen, brauche es deutlich spürbare Entlastungen. Dazu gehörten schnellere Genehmigungsverfahren, niedrigere Energie- und Arbeitskosten sowie eine Verwaltung, die Unternehmen als Partner begreife, nicht als Hemmnis.
Appell an die Politik
Lazzarini appelliert an die Koalition, die angekündigten Maßnahmen entschlossen umzusetzen und nicht bei Symbolen stehen zu bleiben. Die Tatsache, dass auch unbequeme Themen wie Leistungsgedanke und Arbeitsmarktflexibilisierung angesprochen würden, sei positiv. Doch das Paket müsse nachgeschärft werden – mit dem Ziel, den Standort Deutschland wieder an die Spitze der internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu führen.
Bis dahin wird sich an der Lage in Oberkirch voraussichtlich wenig ändern. Und das, so Lazzarini, sei eines Tages zu wenig.



