Marokko macht Falschinformationen für Ceuta-Krise verantwortlich
Marokko macht Falschinformationen für Ceuta-Krise verantwortlich

Die marokkanische Regierung hat sich erstmals offiziell zum massenhaften Migrantenansturm auf die spanische Exklave Ceuta geäußert und die Verantwortung von sich gewiesen. Ein Sprecher des Innenministeriums erklärte am Sonntag, der Andrang sei nicht organisiert gewesen, sondern spontan entstanden. Als Ursachen nannte er die Verbreitung falscher Informationen im Internet, die Aktivitäten von Schleusern sowie die Falschinterpretation eines spanischen Gerichtsurteils, das die Rückführung bestimmter Migranten einschränkt.

Damit widerspricht Rabat Vermutungen, wonach die marokkanische Führung den Massenandrang bewusst ausgelöst oder geduldet habe, um Spanien unter Druck zu setzen. Mehrere Migranten hatten spanischen Medien zufolge unabhängig voneinander berichtet, sie seien nicht gestoppt, sondern zum Grenzübertritt ermuntert worden. Andere gaben an, durch Videos und Nachrichten auf Plattformen wie TikTok von einer angeblich offenen Grenze erfahren zu haben.

Unterschiedliche Zahlen bei Migranten und Todesopfern

Das marokkanische Innenministerium geht nach eigenen Angaben davon aus, dass rund 40.000 Menschen Ceuta erreichen wollten. Weitere gut 1.100 hätten versucht, die zweite spanische Exklave Melilla zu erreichen. Die spanische Regierung beziffert die Zahl der Migranten, die innerhalb kurzer Zeit von Marokko nach Ceuta gelangten und später zurückkehrten, auf 50.000 bis 60.000.

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Bei den Todesopfern klaffen die Angaben ebenfalls weit auseinander: Die marokkanische Seite nennt elf Tote, während die spanischen Behörden zuletzt von mindestens 72 Migranten sprachen, die bei dem Versuch ums Leben kamen. Viele ertranken den Angaben zufolge, als sie nach Ceuta schwimmen wollten.

Geheimdienst-Warnungen sollen ignoriert worden sein

Unterdessen wurde bekannt, dass die spanische Regierung offenbar Warnungen der Geheimdienste über eine mögliche Migrantenwelle erhalten und ignoriert haben soll. Das berichteten die Nachrichtenagentur Euronews und das spanische Nachrichtenportal „The Objective“ übereinstimmend unter Berufung auf Geheimdienstquellen. Der Regierung wird demnach vorgeworfen, die Warnungen „systematisch ignoriert“ zu haben.

Die Geheimdienste hätten darauf hingewiesen, dass der marokkanische König Mohammed VI. anlässlich des Thronfests eine „Geste der Großzügigkeit“ anweisen könnte. Zudem seien in den Tagen vor dem Donnerstag, als bis zu 60.000 Menschen von Marokko nach Ceuta schwammen, massenhaft Reisebusse aus verschiedenen Orten des Landes in die Grenzstadt Fnideq gekommen. Bereits in den zehn Tagen zuvor hätten mindestens 1.000 Menschen Ceuta über das Meer erreicht. Der Geheimdienst interpretierte diese Ströme als Testlauf und warnte erneut, hieß es bei Euronews. Ein namentlich nicht genannter hoher Regierungsbeamter hatte der Zeitung „El País“ am Samstag gesagt, die Regierung habe die Krise nicht kommen sehen.

Spanien installiert schwimmende Barriere

Vor Ort installierten die spanischen Behörden am Samstag eine 500 Meter lange schwimmende Barriere zwischen der Küste Marokkos und dem Ceuta-Strand Tarajal. Zusammen mit Bojen der spanischen Marine soll sie die Kontrolle und Überwachung der Küste verbessern. Zudem hatte die Regierung 60 Soldaten sowie 200 Spezialkräfte der Polizei nach Ceuta entsandt, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Erstmals seit 2021 setzt Madrid damit wieder Militär zur Unterstützung der Grenzsicherung in der Exklave ein.

Nach Angaben der spanischen Regierung sind fast alle der 50.000 bis 60.000 Migranten inzwischen zurückgekehrt. Die Rückkehr erfolgte demnach freiwillig, nachdem sich für die Menschen kaum Aussichten auf eine Weiterreise ergeben hätten. In der Stadt, die nicht einmal 85.000 Einwohner hat, mangelte es an Unterkünften und Versorgung.

EU-Ebene: Streit und Stresstest

Während sich die Lage vor Ort beruhigt, sorgt die Ceuta-Krise auf EU-Ebene weiter für Debatten. Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Johann Wadephul (CDU), rief die EU-Kommission auf, dem Schutz der Außengrenzen absolute Priorität einzuräumen. „Die Lage in Ceuta in den vergangenen Tagen war ein absoluter Stresstest, den wir bestanden haben“, sagte Wadephul der „Bild am Sonntag“. Die Situation habe die Anfälligkeit Europas gezeigt; das Schengen-System offener Binnengrenzen dürfe nicht weiter gefährdet werden.

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Wadephul forderte zudem ein gemeinsames Vorgehen gegen Falschinformationen, „die Menschenleben gefährden und tragischerweise auch Dutzende Menschenleben in und um Ceuta gefordert haben“. In sozialen Netzwerken war die Nachricht verbreitet worden, die spanische Grenze sei „offen“. Der CDU-Politiker hob hervor, dass eine effektive Migrationspolitik nicht ohne Drittstaaten funktioniere. „Um illegale Migration zu kontrollieren, brauchen wir Partner außerhalb Europas, wie in diesem Fall Marokko. Spanien und Marokko haben es gemeinsam geschafft, diese Krise schnell zu lösen.“

Offener Brief von 22 Regierungschefs

Am Samstag hatten mehrere europäische Staats- und Regierungschefs mit einem offenen Brief den Druck auf Spanien erhöht. In dem Schreiben, das auch Bundeskanzler Friedrich Merz unterzeichnet hat, wird Madrid indirekt vorgeworfen, mit jüngsten Entscheidungen unerwünschte Signale ausgesendet zu haben. Konkret prangert der Brief die migrationspolitische Entscheidung der spanischen Regierung an, rund 500.000 irregulären Migranten eine Legalisierung zu ermöglichen. Zudem wird eine Verbindung zu einem Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs hergestellt, das die sofortige Zurückweisung von Migranten nur noch bei Überwindung eines Zauns oder einer Sperre erlaubt.

„Wir können nicht zulassen, dass unkontrollierte Massenübertritte, die Instrumentalisierung von Migration oder andere hybride Bedrohungen den Eindruck entstehen lassen, dass eine illegale Einreise in die Europäische Union möglich ist“, heißt es in dem Brief. Dieser richtet sich an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und den irischen Regierungschef Micheál Martin, dessen Land den EU-Ratsvorsitz innehat. Initiiert wurde das Schreiben von Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Dänemarks Regierungschefin Mette Frederiksen; insgesamt 22 europäische Staats- und Regierungschefs unterzeichneten. Frankreich, Luxemburg und Portugal gehörten ebenso wie Spanien und Irland nicht zu den Unterzeichnern.

Sánchez weist Kritik zurück

Spaniens Premierminister Pedro Sánchez wehrte sich gegen die europäische Kritik. In einem Brief an Irlands Regierungschef Micheál Martin beklagte er sich über das Verhalten einiger Mitgliedstaaten. „Eine solche Haltung – motiviert durch Vorurteile, Falschinformationen, Unwissenheit oder politische Interessen – verstößt nicht nur gegen europäisches Recht, humanitäres Recht und die Grundsätze der Solidarität, die uns verbinden, sondern läuft auch den langfristigen Interessen Europas zuwider“, schrieb Sánchez. Er hatte die Ereignisse bei einem Besuch in Ceuta als „Angriff“ auf die territoriale Integrität Spaniens bezeichnet und Gerüchte über eine angeblich geöffnete Grenze für den Ansturm verantwortlich gemacht.

Die Unterzeichner des Briefs bitten den EU-Ratsvorsitz, umgehend eine außerordentliche Videokonferenz der Innenminister einzuberufen. Diese ist für Dienstag angesetzt. Auch Sánchez forderte eine digitale Sondersitzung der Innenminister aller 27 EU-Staaten. An der Grenze zwischen Marokko und Melilla war es derweil laut dem staatlichen Fernsehsender RTVE am Freitagabend zu Auseinandersetzungen gekommen, bei denen Sicherheitskräfte Tränengas einsetzten.

Der aktuelle Massenansturm stellt eine Ausnahme dar: Wie die italienische Zeitung „La Repubblica“ berichtet, gelang es im gesamten Jahr 2025 lediglich sechs illegalen Migranten, Ceuta zu erreichen; vom Jahresbeginn bis zum vergangenen 15. Juli war es demnach kein einziger. Die spanische Exklave war zuvor jahrelang weitgehend abgeschottet.