Ein schweres Erdbeben hat am Freitagabend die Region um die süditalienische Millionenstadt Neapel erschüttert. Das Nationale Institut für Geophysik und Vulkanologie (INGV) registrierte eine Stärke von 4,7 – das stärkste Beben in der Gegend seit etwa 40 Jahren. Das Epizentrum lag in den Phlegräischen Feldern, einem Vulkangebiet nur wenige Kilometer westlich von Neapel. Viele Anwohner beschrieben den Erdstoß als ungewöhnlich lang und intensiv.
In der Nacht zum Samstag folgten zahlreiche Nachbeben, das heftigste erreichte eine Stärke von 3,8. Die Erdstöße waren in den Orten rund um das Vulkanfeld, aber auch in Neapel selbst sowie auf den Inseln Ischia und Procida deutlich zu spüren. Aus Angst vor weiteren Erschütterungen verließen viele Menschen ihre Häuser und verbrachten die Nacht im Freien. In einigen betroffenen Gegenden kam es zu Stromausfällen.
»Das Beben war so stark und anhaltend, dass ich die Wohnungstür nicht einmal öffnen konnte, weil sie klemmte«, sagte ein Anwohner der Nachrichtenagentur Ansa. »Nach dem gestrigen Schrecken war es unmöglich, die Nacht zu Hause zu verbringen. Man ist zwar einiges gewöhnt, aber nicht in dieser Stärke.«
Das Beben der Stärke 3,8 in der Nacht löste erneut große Unruhe aus. Zahlreiche Menschen, die zunächst in ihre Wohnungen zurückgekehrt waren, flüchteten abermals ins Freie.
Verletzte und Schäden in Pozzuoli
Nach Angaben der Behörden wurden in der Region insgesamt 21 Menschen verletzt. Besonders betroffen war die Küstenstadt Pozzuoli, die unmittelbar am Rand der Phlegräischen Felder liegt. Dort brachen Mauern und Fassadenteile herab, auch Tuffsteinhänge gaben den Erschütterungen nach. Auf in sozialen Medien verbreiteten Videos ist zu sehen, wie große Felsbrocken auf parkende Autos stürzen und Fahrzeuge beschädigt werden. Auch an Gebäuden entstanden Schäden. Die Behörden richteten noch am Abend ein Krisenzentrum ein, um die Rettungs- und Aufräumarbeiten zu koordinieren.
Europas größter aktiver Supervulkan
Die Phlegräischen Felder sind als Europas größter aktiver Supervulkan bekannt. Die Angst in der Region ist groß, denn eine Eruption hätte katastrophale Auswirkungen. Sie zeichnen sich durch eine besonders große Magmakammer aus, die bei einer Eruption verheerende Folgen haben könnte. Anders als normale Vulkane stoßen Supervulkane nicht nur Asche und Lava aus, sondern können ganze Landstriche verwüsten. Die Region wird seit längerer Zeit von einer Serie teils schwacher, teils stärkerer Erdbeben erschüttert. Wissenschaftler beobachten die seismische Aktivität deshalb genau.
Meist sind die Erdstöße jedoch schwach und für die Bewohner kaum spürbar. Immer wieder kommt es aber auch zu stärkeren Beben: Erst im Mai dieses Jahres erschütterte ein Beben der Stärke 4,4 die Region. Im März 2025 hatte ein Beben derselben Stärke Panik ausgelöst und mehrere Menschen leicht verletzt. Das aktuelle Erdbeben der Stärke 4,7 ist das stärkste seit rund 40 Jahren.
Regierung beobachtet die Lage
Die italienische Regierung hatte bereits im vergangenen Jahr Maßnahmen für den Notfall ergriffen und Pläne für eine mögliche Evakuierung von Hunderttausenden Menschen aus dem Gebiet auf den Weg gebracht. Ministerpräsidentin Giorgia Meloni verfolgt die aktuellen Entwicklungen im Erdbebengebiet nach Angaben ihres Amtssitzes aufmerksam. Sie stehe in ständigem Kontakt mit den lokalen Behörden, hieß es aus Rom.
Die Forscher des INGV werten die zahlreichen Nachbeben derzeit aus. Die Bewohner der Region müssen sich darauf einstellen, dass es in den Phlegräischen Feldern auch künftig immer wieder zu Erdstößen kommen kann. Die Gefahr, die von Europas Supervulkan ausgeht, bleibt bestehen.



