Der prominente Risikokapitalmanager Harry Nelis, Partner bei Accel, sieht den Beginn eines neuen, massiven Zyklus für Start-up-Investitionen. Trotz steigender Bewertungen in Europa glaubt er weiterhin an hohe Renditen. Beim Streben des Kontinents nach Souveränität in der Verteidigungspolitik äußert er sich jedoch zurückhaltend.
Investitionsschwerpunkte: KI, Cyber und Verteidigung
Nelis zufolge fließt bei Accel derzeit ein Großteil der Mittel in die drei Sektoren Künstliche Intelligenz, Cybersicherheit und Verteidigung. In Deutschland sei der Rüstungsbereich überproportional vertreten, was Nelis auf das hohe Verteidigungsbudget zurückführt. Accel hat unter anderem in die deutschen Rüstungs-Start-ups Helsing und Cambridge Aerospace investiert. Letzteres, ein Raketenabwehrspezialist, sei erst 20 Monate alt und baue bereits eine Fabrik, die bei Vollauslastung einen Milliardenumsatz erzielen könnte.
„Jahrzehntelang gab es kein Geld für Rüstung. Jetzt ist das Gegenteil der Fall“, so Nelis. Drei Faktoren hätten diesen Wandel bewirkt: eine Umkehrbewegung nach jahrelanger Unterinvestition, veränderte Schlachtfeldtechnologien hin zu Drohnen und Autonomie sowie der Wunsch nach europäischer Souveränität, da US-Ausrüstung nicht immer verfügbar sei.
SaaS-Unternehmen und KI-Integration
Auf die Frage, ob er heute noch in Software-as-a-Service-Unternehmen (SaaS) investieren würde, antwortet Nelis mit einem klaren Ja. Er betont, dass Dienste wie das KI-Start-up für Anwälte Legora oder der KI-App-Entwickler Lovable im Grunde eine SaaS-Schicht über einem Sprachmodell seien. Sobald SaaS-Unternehmen Modelle wirklich integrieren, würden sie ähnlich. Die echte Kapitalrendite entstehe, wenn Geschäftsprozesse automatisiert werden und KI-Agenten zusammenarbeiten. Celonis, ein Portfoliounternehmen von Accel, liefere den dafür nötigen Kontext.
Gründer und der Wandel
Den Unterschied zwischen erfolgreichen und scheiternden Unternehmen macht Nelis an den Gründern und ihren Teams fest. Manche hätten viel Zeit in Technologien investiert, die durch KI überflüssig geworden seien. „Ich glaube, es gibt kein Rezept dafür – aber es dreht sich alles um Menschen. Menschen müssen KI entweder annehmen, oder sie riskieren, den Anschluss zu verlieren“, so Nelis. Er selbst habe sich als Investor ständig neu erfinden müssen, etwa bei Halbleiterinvestments. Accel habe kürzlich wieder in ein Halbleiterunternehmen namens Fractile investiert, nach jahrzehntelanger Pause.
Europäische Souveränität: Ja, aber mit Maß
Zur Frage der europäischen Souveränität sagt Nelis: „Ich glaube an ein gewisses Maß an Souveränität – aber man darf es nicht übertreiben.“ Aus Verteidigungsperspektive sei es sinnvoll, eine eigene industrielle Basis zu haben. Aber Google oder Apple könne Europa nicht neu erfinden. Man müsse differenzieren, wo Souveränität wirklich notwendig sei. Bei großen Sprachmodellen seien Anthropic und OpenAI klar führend, aber bei Anwendungen könnten auch europäische Firmen erfolgreich sein.
Rat an Gründer und Wagniskapitalbranche
Sein Rat an europäische Gründer: „Entwickelt euer Produkt in Europa, arbeitet mit Großkonzernen zusammen. Bringt euer Produkt zur Reife, und macht dann den Sprung in die USA.“ Bezüglich der Wagniskapitalbranche räumt Nelis ein, dass es in Europa in den letzten Jahren kaum Börsengänge oder M&A-Deals gab. Das Potenzgesetz wirke: Die supererfolgreichen Unternehmen seien superliquide, aber die Bandbreite der Renditen habe sich verengt. „Wir als Investoren müssen dafür sorgen, dass wir diese wirklich erfolgreichen Ausreißer erwischen.“
Hohe Bewertungen und Risiken
Heutige Series-A-Finanzierungsrunden lägen oft bei 50 oder 60 Millionen Dollar oder mehr, bei geringerer Verwässerung für Gründer. Die Bewertungen seien entsprechend höher, aber auch das Risiko. „Als Investor sind die heutigen Zeiten unglaublich aufregend, weil sich alles verändert, und gleichzeitig so beängstigend wie nie zuvor, weil die Zahlen und das Risiko deutlich höher sind“, so Nelis. Dennoch glaube er, dass die Rechnung aufgehen könne. Den aktuellen Zyklus vergleicht er mit dem von 2021/2022, der durch billiges Zentralbankgeld befeuert wurde. Jetzt flössen global enorme Summen in KI-Investments, aber der Return on Investment stehe noch aus.
Verpasste Deals und Beziehungen zu Gründern
Nelis gibt zu, Deals verpasst zu haben, etwa beim niederländischen Fintech Adyen. „Wir waren uns nicht ganz sicher. Also haben wir nicht investiert. Das war der große Fehler.“ Die Beziehung zu Gründern sei entscheidend; die erfolgreichsten Unternehmen seien meist gründergeführt. Er rät jedem Gründer: „Das hier ist ein Marathon, kein Sprint. Man kann keinen Marathon sprinten.“
Die Entscheidung über einen Deal müsse schnell fallen, manchmal innerhalb von Tagen. Accel setze auf das Konzept des „prepared mind“: viel Vorarbeit in einem Sektor, um Erfolgsformeln zu erkennen. Wettbewerb mit großen US-Risikokapitalgebern wie Andreessen Horowitz sieht Nelis gelassen: „Wir bei Accel treten mit einem Vorteil an: Wir machen das seit 26 Jahren.“



