IG-Metall-Chefin: Arbeitgeber verschaukeln uns mit Lohnforderungen
IG-Metall-Chefin: Arbeitgeber verschaukeln uns

Die Bezirksleiterin der IG Metall in Baden-Württemberg, Barbara Resch, hat die Forderungen der Arbeitgeber nach niedrigeren Arbeitskosten scharf zurückgewiesen. „Die Arbeitgeber verschaukeln uns“, sagte Resch im Interview mit dem Tagesspiegel. Ihrer Ansicht nach seien nicht die Löhne, sondern die Energiepreise und strukturelle Probleme wie chinesische Überkapazitäten und US-Zölle die Hauptursachen für die Krise der Autoindustrie.

Arbeitskosten senken? „Bringt nichts“

Auf die Frage, wie stark die Arbeitskosten sinken müssten, antwortete Resch: „Die müssen gar nicht sinken.“ Ein Rennen um niedrigere Löhne könne Deutschland nicht gewinnen, da andere Länder immer günstiger produzieren. Zwar räumte sie ein, dass Betriebe durch günstigere Tarifabweichungen kurzfristig entlastet würden, doch gesamtwirtschaftlich sei das kontraproduktiv: „So kauft man sich Zeit, löst aber keine Probleme.“

Resch verwies auf die betrieblichen Zukunftstarifverträge, die die IG Metall etwa beim Zulieferer Mahle abgeschlossen habe. Auch bei Mercedes habe man 2023 ein Paket mit Einschnitten für die Beschäftigten geschnürt. „Gegenwärtig sehen wir, wie begrenzt solche Pakete wirken, da es weitere Forderungen nach materiellen Einschnitten oder längeren Arbeitszeiten gibt.“

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Tarifabweichungen: 250 Fälle im Jahr 2024

Die IG Metall habe im vergangenen Jahr rund 300 Abweichungen vom Tarifvertrag ermöglicht, 2024 waren es 250. „Grundsätzlich kann man im Einzelfall die Situation im Betrieb stabilisieren, aber im Großen bekommen wir keinen Turnaround hin“, so Resch. Sie bleibe dabei: „Lohnverzicht sichert in einem Hochlohnland keine Arbeitsplätze.“

Resch forderte stattdessen eine stärkere Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Gewerkschaften, um gemeinsam von der Politik ein Paket zu verlangen, das die Probleme mit China adressiert. „Ferner müsste man gemeinsam an den Themen Produktivität, Massenfertigung und Innovation arbeiten – das sind die großen Themen. Nur an einem Rädchen drehen bringt uns nicht weiter.“

Porsche und Audi: Zukunft der Standorte ungewiss

Zu den Überlegungen von Porsche, die Cayenne-Fertigung von Bratislava nach Leipzig zu verlegen, sagte Resch, es liefen noch Verhandlungen. „Wir machen solche Deals, auch bei Porsche.“ Zum Audi-Werk in Neckarsulm mit 15.000 Beschäftigten, das vom VW-Vorstand infrage gestellt wird, erklärte sie: „Das Werk bleibt hoffentlich bestehen, zumal dort an der Effizienz gearbeitet wurde. Die Hausaufgaben sind gemacht, doch es fehlt schlicht ein Volumenmodell.“

Die fehlenden Modelle führt Resch auf die chinesische Konkurrenz zurück: „Noch sind 80 Prozent der Wertschöpfung vom Auto in Europa, doch die Chinesen kommen – und sie haben uns bei Innovationen im Auto teilweise schon überholt.“ Sie forderte die EU auf, Europa vor Dumpingattacken zu schützen.

IG Metall zu weiteren Zugeständnissen bereit – unter Bedingungen

Resch räumte ein, dass alle Akteure, auch die IG Metall, das Bestehende zu lange verteidigt hätten. „Wir kommen aber nur raus aus dem Dilemma, wenn alle gemeinsam nach Lösungen suchen.“ Sie sei zu einem weiteren Beitrag für einen Übergangszeitraum bereit, „sofern es eine große, gemeinsame Anstrengung gäbe. Die sehe ich aber nicht.“

Eine Verlängerung der Arbeitszeit, wie von der Mercedes-Führung gewünscht, lehnte Resch ab: „Ich war kürzlich in Sindelfingen, wo Schichten und Arbeitszeiten aufgrund der schwachen Nachfrage reduziert werden. Eine Verlängerung der Arbeitszeit passt doch nicht als Anti-Krisenmaßnahme in die Zeit.“

Branche verliert Arbeitsplätze – Stimmungsumschwung nötig

Seit 2019 sind rund 75.000 Arbeitsplätze in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie abgebaut worden. Resch beklagte, dass viele Arbeitgeber erst günstiger werden wollten und dann vielleicht besser. „Das ist fatal. Manche Unternehmen bemühen sich um alternative Produkte, doch das sind nur zarte Pflänzchen. Alles in allem ist die Risikobereitschaft in den Unternehmen nicht besonders hoch.“

Auf die Frage, ob die IG Metall zu schwach sei, um einen neuen Dreh in die Standortdebatte zu bekommen, antwortete Resch: „Nein, die IG Metall ist weiterhin eine starke und gefragte Organisation, doch auch vor uns macht die Demografie nicht Halt.“

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Tarifrunde im Herbst: Beschäftigungssicherung im Fokus

Resch, die voraussichtlich im Herbst die Tarifverhandlungen führen wird, stellte die Beschäftigungssicherung in den Vordergrund. „Wir merken schon eine Verschiebung in der Haltung unserer Leute zugunsten sicherer Arbeits- und Ausbildungsplätze. Gesamtwirtschaftlich sind stabile Einkommen wichtig, das bedeutet zumindest die Sicherung der Reallöhne.“

Zur Frage einer möglichen Differenzierung zwischen wirtschaftlich starken und schwachen Firmen sagte Resch: „Die Arbeitgeber werden vermutlich das Thema Differenzierung aufrufen: Was ist möglich in den Firmen, denen es gut geht? Was ist tragbar für alle und was erlauben wir in den Firmen, denen es nicht gut geht? Auf diese Fragen wollen wir im Herbst Antworten geben und einen Tarifvertrag für alle abschließen.“

Sie warnte jedoch: „In den vergangenen Tarifrunden haben die Arbeitgeber hier im Südwesten stur die Haltung vertreten, ‚wir geben nichts‘. Wenn es dazu wieder kommt, sind Warnstreiks unverzichtbar.“

Produktivität und Entgeltentwicklung

Resch wies auf den Dreiklang aus innovativen Produkten, hoher Produktivität und Massenfertigung hin, der die Industrie über Jahrzehnte geprägt habe. „Gegenwärtig sind wir bei allen drei Themen unter Druck.“ Die gesamtwirtschaftliche Trendproduktivität liege bei knapp einem Prozent, in der Metall- und Elektroindustrie sei es noch weniger.

Die Tarifforderung werde im September beschlossen, die Friedenspflicht ende im Oktober, sodass Warnstreiks ab November möglich seien. „Wenn die Arbeitgeber die Kürzungsrhetorik und Abbaupolitik überwinden und zu sicheren Arbeitsplätzen beitragen, können wir auch ohne Streiks einen Beitrag zur Bewältigung der Krise leisten“, so Resch.