Die deutsche Stahlindustrie hat im ersten Halbjahr 2026 einen Produktionsanstieg verzeichnet, doch von einer nachhaltigen Trendwende will die Branche nicht sprechen. Wie die Wirtschaftsvereinigung Stahl in Berlin mitteilte, wurden von Januar bis Juni rund 18,6 Millionen Tonnen Rohstahl produziert – ein Plus von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im ersten Halbjahr 2025 war die Produktion um knapp zwölf Prozent eingebrochen. Das Niveau von 19,4 Millionen Tonnen aus dem ersten Halbjahr 2024 wurde jedoch nicht wieder erreicht.
Produktionszahlen bleiben unter kritischer Schwelle
Hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2026 ergäbe sich eine Produktion von rund 37 Millionen Tonnen. Damit läge die Branche weiterhin unter der Marke von 40 Millionen Tonnen, die für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung der Kapazitäten als notwendig erachtet wird. „Die aktuellen Zahlen zeigen keine nachhaltige Trendwende“, erklärte der Verband. Die Zuwächse seien vor allem technischer Natur, etwa durch das Auffüllen von Lägern bei Firmenkunden.
Besonders besorgniserregend bleibt die schwache Nachfrage aus den Schlüsselbranchen Bau, Maschinenbau und Automobilindustrie. „Echte Erholung beginnt erst, wenn auch die reale Stahlnachfrage zurückkehrt“, sagte Kerstin Maria Rippel, Hauptgeschäftsführerin der Wirtschaftsvereinigung Stahl. „Die steigende Produktion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Stahlindustrie weiterhin in einer schwierigen Lage befindet.“
EU-Zollregeln als Hoffnungsschimmer
Hoffnung setzt die Branche auf neue EU-Zollregeln, die seit Juli 2026 gelten. Unter bestimmten Kriterien wird bei Stahlimporten ein Zusatzzoll fällig, um Billigimporte aus Asien einzudämmen, die den deutschen Herstellern das Geschäft erschweren. „Das Handelsschutzinstrument ist für den Stahlstandort Deutschland und Europa unverzichtbar“, betonte Rippel. „Es sorgt dafür, dass sich eine künftige Erholung der Nachfrage auch tatsächlich in einer höheren Kapazitätsauslastung der Stahlunternehmen in Deutschland und anderen EU-Mitgliedstaaten niederschlagen kann.“
Die Wirtschaftsvereinigung Stahl fordert von der Politik zudem zusätzliche Nachfrageimpulse. Mit Blick auf die geplanten staatlichen Infrastruktur-Investitionen von 500 Milliarden Euro in den kommenden Jahren sagte Rippel: „Diese angekündigten Investitionen müssen möglichst schnell in der Wirtschaft ankommen. Daraus kann ein entscheidender Konjunkturimpuls erwachsen.“
Forderung nach „Made-in-EU“ bei öffentlichen Aufträgen
Die Branchenvertreterin spricht sich außerdem dafür aus, bei öffentlichen Beschaffungen heimische Stahlfabrikanten zu bevorzugen. In die Vergabeverfahren sollte ein verbindliches „Made-in-EU-Kriterium“ einfließen. Dies könne die Nachfrage nach europäischem Stahl stärken und die heimische Produktion stützen.
Die deutsche Stahlbranche steht unter erheblichem Druck. Überkapazitäten zwingen den größten heimischen Stahlhersteller Thyssenkrupp Steel Europe (TKME) zum Abbau tausender Stellen. Hinzu kommen hohe Energiekosten, die die Unternehmen stark belasten. Es gibt jedoch auch positive Signale: Der Stahlhersteller Salzgitter hob kürzlich seine Prognose für das Jahr 2026 an.



