Die russische Landwirtschaft steckt in einer tiefen Krise: Obwohl die Ernte gut ausfällt, sorgt ein akuter Mangel an Treibstoff für einen nahezu vollständigen Stillstand auf den Höfen. Hinzu kommt eine Seeblockade im Asowschen Meer, die den wichtigsten Exportweg für Getreide aus der Region blockiert. Die Landwirtin Ljubow Fedortschenko aus der südrussischen Region Rostow beschreibt die Lage als dramatisch: „Alles steht still. Gerste – Stillstand. Weizen – Stillstand.“
Ursache: Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien
Die Treibstoffkrise ist eine direkte Folge monatelanger ukrainischer Drohnenangriffe auf russische Öl-Raffinerien. Diese Angriffe haben die Produktion von Benzin und Diesel erheblich beeinträchtigt und zu einem starken Preisanstieg geführt. In 25 russischen Regionen gehen Benzin und Diesel zur Neige, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. An Tankstellen kommt es zu wilden Szenen, da die Vorräte knapp werden.
Die russische Landwirtschaftsministerin Oksana Lut räumte ein, dass es in allen Regionen Probleme mit dem Treibstoff gebe. Sie versprach den Bauern jedoch, dass der Staat die benötigten Lieferungen sicherstellen werde. „Wir werden alles tun, um die Betriebe zu versorgen“, sagte Lut. Experten bezweifeln jedoch, dass die Versprechen schnell umgesetzt werden können.
Folgen: Ernte kann nicht eingebracht werden
Die Landwirte stehen vor einem doppelten Problem: Ohne Treibstoff können sie die Ernte nicht einfahren, und aufgrund der Seeblockade im Asowschen Meer finden sie keine Abnehmer für ihre Produkte. „Wir brauchen jetzt dringend Geld. Wir müssen die Ernte verkaufen und Diesel, Benzin und Dünger kaufen“, erklärte Fedortschenko. Die Kaufangebote für Getreide aus der Region seien praktisch versiegt, seitdem die Schifffahrt eingeschränkt wurde.
Andrej Sisow von der Unternehmensberatung SovEcon warnte vor weitreichenden Konsequenzen für den globalen Getreidemarkt. Russland ist der weltgrößte Weizenexporteur. Sollte das Asowsche Meer nicht wieder für die Schifffahrt geöffnet werden, könne Russland fünf bis zehn Millionen Tonnen Weizen weniger auf den Weltmarkt liefern, so Sisow. Dies würde die ohnehin angespannte globale Nahrungsmittelversorgung weiter verschärfen.
Finanzielle Verluste für Landwirte
Die steigenden Dieselpreise belasten die Betriebe zusätzlich. Laut Sisow verlieren die Landwirte bereits rund 1000 Rubel (etwa elf Euro) pro Tonne Getreide durch die höheren Treibstoffkosten. Die Beschränkungen im Asowschen Meer verdoppelten diesen Betrag. Viele Höfe stehen vor dem Ruin, wenn die Preise weiter steigen und die Exportwege blockiert bleiben.
Die russische Regierung sucht unterdessen nach Auswegen. Berichten zufolge versucht Russland, Benzin aus dem Ausland zu importieren, um die Krise zu mildern. Ob dies gelingt, ist jedoch ungewiss. Die ukrainischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur Russlands zeigen weiterhin Wirkung und treiben die Kosten für die gesamte Wirtschaft in die Höhe.



