Die historisch niedrigen Wasserstände im Rhein könnten die Inflation in Deutschland spürbar anheizen. Banken-Volkswirte warnen vor einem temporären Anstieg der Teuerungsrate um bis zu einem halben Prozentpunkt. „Die deutsche Inflationsrate könnte dadurch temporär um bis zu einen halben Prozentpunkt ansteigen“, sagte Ökonom Felix Schmidt von der Berenberg Bank am Mittwoch der Nachrichtenagentur Reuters.
Lieferengpässe und höhere Transportkosten
Das Niedrigwasser hat bereits zu Lieferengpässen geführt und treibt die Kosten für den Transport von Gütern auf dem Rhein in die Höhe. Händlern zufolge sind die Kosten für den Transport mit Tanker- und Binnenschiffen von Rotterdam nach Karlsruhe aktuell auf rund 150 bis 160 Euro pro Tonne gestiegen, verglichen mit 45 Euro Ende Juni. Das ist mehr als eine Verdreifachung innerhalb weniger Wochen.
„Denn wenn Schiffe nur noch zu einem Drittel oder weniger beladen werden können, müssen entsprechend mehr Schiffe eingesetzt werden oder man wählt andere teurere Transportwege wie Lkw oder Bahn“, erklärte Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank. Besonders betroffen sind Vorprodukte aus der chemischen Industrie sowie Energierohstoffe.
Sprit- und Heizölpreise unter Druck
Der direkteste Effekt auf die Inflation dürfte über höhere Spritpreise erfolgen. „Dies stellt insbesondere ein Preisrisiko für Kraftstoffe und Heizöl dar, da der Rhein eine wichtige Transportachse für Erdölprodukte ist“, sagte Berenberg-Experte Schmidt. Die Preise für Benzin und Diesel sind bereits in mehreren Regionen deutlich gestiegen. Das Bundeskartellamt hat regionale Unterschiede von bis zu elf Cent pro Liter bei E5 und zehn Cent bei Diesel festgestellt. „Das Nord-Süd-Gefälle des durchschnittlichen Preisniveaus an den Tankstellen dürfte insbesondere aus unterschiedlichen Kraftstoff-Beschaffungskosten resultieren“, erklärte das Kartellamt.
Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sieht zusätzlichen Inflationsdruck von den Ölmärkten: „Die Preise von Ölprodukten wie Diesel sind verglichen mit Rohöl ohnehin bereits hoch, weil Raffinerien in den Golfstaaten sowie in Russland durch Kriegseinwirkungen ausgefallen sind. Der Inflationsdruck dürfte von dieser Seite wegen des Niedrigwassers im Rhein noch etwas steigen.“
Strompreise steigen ebenfalls
Neben Treibstoffen werden auch die Strompreise beeinflusst. „Die Strompreise an der Strombörse sind ebenfalls kräftig gestiegen“, sagte de la Rubia. Kraftwerke benötigen in der Regel eine Kühlung, die häufig von Flusswasser geliefert wird. In Ungarn ist dies als Extremfall bereits zu beobachten: Dort stand das Atomkraftwerk Paks kurz vor der Abschaltung. „Grundsätzlich kann das auch in anderen europäischen Ländern einen stärkeren Effekt haben und dadurch auch unsere Stromkosten nachhaltig in die Höhe treiben“, betonte der Experte.
EZB dürfte durchschauen
Die Ökonomen erwarten jedoch, dass die Europäische Zentralbank (EZB) die temporären Effekte nicht überbewerten wird. „Die Europäische Zentralbank wird durch solche temporären Effekte mit Sicherheit hindurchschauen“, sagte Schmidt mit Blick auf die Zinspolitik der EZB. Der Effekt auf die Inflation könne zudem durch die Entwicklungen im Nahen Osten überlagert werden, wo die Hoffnung auf eine friedliche Lösung die Ölpreise zuletzt drückte.
Rekordtief an der Engstelle Kaub
Die Lage an der wichtigen Rhein-Engstelle Kaub hat sich zuletzt weiter verschärft: Am Mittwochmorgen wurden nur noch 23 Zentimeter gemessen, ein historisches Tief. Neue Rekorde sollen schon in den kommenden Tagen folgen: Bis Samstag soll der Pegelstand auf 18 Zentimeter sinken, wie aus Prognosen der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hervorgeht. Die Engstelle Kaub liegt in Rheinland-Pfalz in der Nähe der Loreley und ist für die Binnenschifffahrt enorm wichtig. Der Pegelstand ist ein Referenzwert für die Schifffahrt, der Rhein ist in Kaub tatsächlich noch gut einen Meter tiefer.
Der frühe Beginn der Flaute lasse darauf schließen, dass die Transportprobleme noch eine ganze Weile anhalten dürften. In der Vergangenheit sei der Pegelstand meist erst im November wieder deutlich gestiegen. Auch ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski rechnet mit Folgen für die Lebenshaltungskosten. Mögliche Lieferengpässe und damit verbundene Knappheiten könnten viele Produkte verteuern.



