Ein flächendeckender Ausfall des digitalen Bahnfunksystems GSMR hat am späten Dienstagabend den gesamten Zugverkehr in Deutschland für rund zwei Stunden zum Erliegen gebracht. Betroffen waren neben dem Fern- und Regionalverkehr auch die Berliner S-Bahn sowie zahlreiche Fluggäste am Hauptstadtflughafen BER. Die Störung begann gegen 21 Uhr und konnte von den Technikern der Deutschen Bahn gegen 23 Uhr behoben werden. Erste Züge rollten nach Mitternacht wieder, am Mittwochmorgen lief der Verkehr laut Bahn „weitgehend reibungslos“ an, vereinzelte Einschränkungen seien jedoch noch möglich. Die Ursache der Störung war zunächst unklar, später teilte die Bahn mit, dass ein Komponentenwechsel im Funksystem zu dem Problem geführt habe. Sicherheitsbehörden gehen nach Angaben des rbb nicht von Sabotage aus, sondern vermuten ein fehlerhaftes Update.
Chaos an Bahnhöfen und am Flughafen BER
Viele Reisende saßen durch den Ausfall fest. Zwar wurden laut einem Bahnsprecher Taxi- und Hotelgutscheine ausgegeben – in Frankfurt am Main berichteten Menschen jedoch, dass es in der gesamten Stadt kein Hotelzimmer mehr gegeben habe. Besonders betroffen waren Veranstaltungsorte: In Gelsenkirchen strandeten Tausende Fans nach einem Helene-Fischer-Konzert, in Kiel sorgte die zeitgleiche Kieler Woche für zusätzliche Turbulenzen. Am Hauptstadtflughafen BER versuchten etwa 200 Menschen, in die wenigen Busse nach Berlin zu gelangen. Ein Tagesspiegel-Reporter berichtete von ratlosen Touristen, darunter ein Ire, der auf einen Bus wartete, und eine Gruppe junger Briten, die sich über fehlende Informationen beschwerten. Ein Paar aus Dresden kommentierte: „Typisch Deutschland.“ Die Bundespolizei Berlin meldete gegen 23 Uhr, dass es keine Einsätze wegen der Störung gegeben habe und alle S-Bahnen noch den nächstgelegenen Bahnhof erreichen konnten.
Ursache: Komponentenwechsel im Funksystem
Die Deutsche Bahn teilte mit, dass die Störung durch einen Komponentenwechsel im GSMR-Funksystem ausgelöst worden sei. „Unsere IT-Experten haben pausenlos an der Entstörung gearbeitet – mit Erfolg. Die Störung konnte so innerhalb kurzer Zeit behoben werden, der Verkehr läuft nun Schritt für Schritt wieder an. Wir danken allen Fahrgästen für ihre Geduld“, hieß es in einer Mitteilung. Bahnchefin Evelyn Palla sagte der „Bild“-Zeitung, dass ein Notfallsystem in Betrieb genommen worden sei. Der Verband der privaten Güterbahnen forderte eine unabhängige Aufarbeitung: Die Ursache dürfe „nicht allein durch eine ‚Selbstauskunft‘ der DB InfraGo als Betreiberin beantwortet werden“, sagte Verbandsgeschäftsführer Peter Westenberger der dpa. Er plädierte für die Gründung eines Bundesamts für Schieneninfrastruktur.
Experten warnen vor veralteter Technik
Der Bundesvorsitzende von Pro Bahn, Lukas Iffländer, sagte dem Tagesspiegel, ein derartiger Ausfall könne, wenn es sich nicht um einen großangelegten Angriff handle, nur zwei Ursachen haben: entweder ein Softwareupdate-Fehler oder ein Ausfall der beiden zentralen Einheiten, in denen die Nummern der Lokomotiven für den Zugfunk hinterlegt sind. Ohne diese Information könnten Fahrdienstleiter nicht mit den Lokführern kommunizieren. Sowohl Sabotage, Technikversagen als auch Inkompetenz seien mögliche Auslöser. Iffländer betonte, dass die GSMR-Technik jahrzehntealt und daher anfällig sei. Auch der Cybersicherheitsexperte Dennis-Kenji Kipker, Professor an der Hochschule Bremen, kritisierte: „Ein einzelnes, veraltetes System wie GSMR ist ein Single Point of Failure, dessen Ausfall – egal ob durch physische Sabotage, Cyberangriff oder IT-Ausfälle – bundesweite Folgen hat. Eine Redundanz muss jederzeit gewährleistet sein. Dies ist ein Grundbaustein der Resilienz unserer kritischen Infrastruktur.“
Politik fordert Aufarbeitung und mehr Sicherheit
Nordrhein-Westfalens Verkehrsminister Oliver Krischer (Grüne) äußerte sich kritisch: „Menschen verlassen sich auf die Bahn und wenn es ein Unwetter gibt, da haben wir alle Verständnis, dass es hier Einschränkungen gibt. Aber dass aufgrund einer technischen Störung zwei Stunden lang alle Züge in Deutschland stehen, das darf eigentlich nicht passieren.“ Seines Wissens nach habe es etwas Vergleichbares noch nie gegeben. Der SPD-Fraktionsvize im Bundestag, Armand Zorn, erklärte: „Der Bahnverkehr ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Wenn eine technische Störung den Bahnverkehr in großen Teilen Deutschlands beeinträchtigen kann, dann muss schnell und umfassend gehandelt werden.“ Er forderte die Sicherheitsbehörden, die Bahn und das Bundesverkehrsministerium auf, die Ursache umgehend zu ermitteln und die Systemsicherheit zu verbessern.
Bereits 2022 ähnlicher Vorfall
Das GSMR-System hatte bereits im Oktober 2022 zu einem dreistündigen Stillstand in Norddeutschland geführt. Nach einem Anschlag auf zwei Glasfaserkabel in Berlin-Karow und Herne war der Zugfunk ausgefallen. Der damalige Bundesverkehrsminister Volker Wissing sprach von einem „Anschlag“, doch die Ermittlungen des Generalbundesanwalts wegen des Verdachts auf „verfassungsfeindliche Sabotage“ wurden eingestellt. Später hieß es, Kupferdiebe hätten die Kabel versehentlich durchtrennt – eine Erklärung, die in Sicherheitskreisen weiterhin auf Skepsis stößt. Die geplante Ablösung von GSMR durch das moderne Future Railway Mobile Communication System (FRMCS) lässt bisher auf sich warten.



