EU-Kommission präsentiert umfassende maritime Strategie für Europas Wirtschaft
Die Europäische Kommission hat eine neue maritime Strategie vorgestellt, die Europas Häfen, Werften und Reedereien in den kommenden Jahren voranbringen soll. Die auf 56 Seiten detailliert ausgearbeiteten Pläne waren von der maritimen Wirtschaft lange erwartet worden und umfassen zwei zentrale Strategiepapiere. Laut Kommission wickelt die EU ihren externen Handel zu beeindruckenden 74 Prozent über ihre Häfen ab, was die immense Bedeutung dieses Wirtschaftssektors unterstreicht.
Zentrale Inhalte und Schwerpunkte der Strategie
In der Strategie beschreibt die EU-Exekutivbehörde den aktuellen Zustand der maritimen Infrastruktur in den Mitgliedsstaaten und formuliert klare Ziele für die kommenden Jahre. Burkhard Lemper, Geschäftsführer des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik, bewertet die Strategie positiv: „Die EU-Hafenstrategie deckt alle wichtigen Themen und Herausforderungen der sehr heterogenen europäischen Hafenlandschaft ab.“ Zu den Kernpunkten gehören:
- Die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Häfen
- Ihre zentrale Rolle in der Energiewende
- Die Dekarbonisierung der gesamten Schifffahrtsindustrie
- Die Sicherung robuster Logistikketten
Die Strategie erinnert in ihrer Ausrichtung an ähnliche Initiativen der Bundesregierung, die bereits 2024 eine Hafenstrategie beschlossen hatte.
Stärken und Herausforderungen der europäischen maritimen Branche
Die EU-Kommission würdigt in ihrer Bewertung die europäische maritime Wirtschaft als weltweit führend. Konkret verweist sie darauf, dass nahezu alle Kreuzfahrtschiffe und zahlreiche Eisbrecher in europäischen Werften gebaut werden. Zudem besitzt die Handelsflotte der EU mit 34 Prozent Anteil an der weltweiten Handelsflotte eine dominierende Position.
Michele Acciaro von der Copenhagen Business School bestätigt diese Einschätzung: „Im Schiffbau geht Europa von einer Position wirklicher Stärke aus. Werften wie Meyer Werft, Fincantieri und Damen sind Weltmarktführer.“ Auch im Reedereisektor zeigt Europa Stärke – vier der fünf größten Containerreedereien stammen aus Europa, darunter Maersk (Dänemark), CMA CGM (Frankreich) und Hapag-Lloyd (Deutschland).
Allerdings zeigt die Analyse auch Herausforderungen auf. Während europäische Häfen wie Rotterdam, Antwerpen-Brügge und Hamburg in Europa führend sind, schlagen sie deutlich weniger Waren um als die großen Häfen in Asien und erreichen in Produktivitätsstatistiken nicht immer Spitzenplätze.
Problemanalyse und geplante Maßnahmen
Die Strategie thematisiert verschiedene Herausforderungen, wenn auch teilweise nur indirekt. Zu den identifizierten Problemen gehören:
- Die notwendige Modernisierung kleiner und mittelgroßer Werften
- Die zunehmende Konkurrenz durch China im Bau von Fähren und Windpark-Errichterschiffen
- Die Alterung der Passagierschiffsflotte und deren Ersatzbedarf
Besondere Aufmerksamkeit widmet die Kommission den Themen Verteidigung und innere Sicherheit. Sie kündigt an, ausländische Investitionen in europäischen Häfen systematisch erfassen und überwachen zu wollen. Diese Ankündigung erfolgt vor dem Hintergrund der Debatte um den begrenzten Einstieg der chinesischen Reederei Cosco an einem Containerterminal in Hamburg und deren Aktivitäten im griechischen Piräus.
Weitere strategische Initiativen und Finanzierung
Die maritime Strategie umfasst eine Vielzahl weiterer Maßnahmen und Initiativen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Ausweitung des Schiffsrecyclings in Europa, wofür eine Zusammenarbeit mit Indien angestrebt wird. Zudem plant die EU die Förderung von Fähren, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können („Dual Use“).
Interessanterweise untersucht die Kommission auch die Möglichkeit, Handelsschiffe mit Kernenergie anzutreiben. Zur Finanzierung dieser und weiterer Vorhaben sollen bis 2027 zunächst bestehende EU-Fördertöpfe genutzt werden. Nach Einschätzung von Burkhard Lemper enthält die Strategie durchaus praktikable Vorschläge, wie Hafenprojekte in Zukunft finanziell gefördert werden können.
Nachhaltigkeit und Umweltaspekte
Die Dekarbonisierung der Schifffahrt bildet einen zentralen Baustein der Strategie. Die EU plant, sich innerhalb der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation der UN für strengere Klimaschutzregeln einzusetzen. Verhandlungen hierüber waren im vergangenen Jahr überraschend gescheitert, nachdem die USA Druck ausgeübt hatten.
Michele Acciaro sieht jedoch noch Nachholbedarf in diesem Bereich: „Ohne einheitliche Standards entsteht ein Wettlauf nach unten zwischen Häfen, der die gesamte Nachhaltigkeitsagenda untergräbt.“ Er fordert einheitliche Preise für Umweltstandards, insbesondere bei Hafenentgelten, um zu verhindern, dass Häfen mit hohen Umweltauflagen Marktanteile an Konkurrenten mit niedrigeren Standards verlieren.
Reaktionen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft
Die Reaktionen maritimer Wirtschaftsverbände in Deutschland und Europa fallen überwiegend positiv aus. Kritik kommt hingegen von der Nichtregierungsorganisation Shipbreaking Platform, die bemängelt, dass die Kommission nicht genug tue, um das Schiffsrecycling in Europa auszuweiten. Bislang werden Schiffe aus Kostengründen vor allem in Südasien abgewrackt.
Insgesamt markiert die vorgestellte maritime Strategie der EU-Kommission einen wichtigen Schritt zur Stärkung und Modernisierung eines zentralen Wirtschaftssektors, der für den europäischen Außenhandel von entscheidender Bedeutung bleibt.



