EIB-Chefin Calviño: Europa braucht dringend Kapitalmarktunion
EIB-Chefin Calviño: Europa braucht Kapitalmarktunion

Die Präsidentin der Europäischen Investitionsbank (EIB), Nadia Calviño, drängt auf eine beschleunigte Umsetzung der Kapitalmarktunion. „Die Kapitalmarktunion ist eine Top-Priorität und sollte es auch sein“, sagte Calviño dem Handelsblatt in einem Interview gemeinsam mit Bloomberg, der spanischen Zeitung „El País“ und der französischen Zeitung „Le Monde“. Europa verfüge zwar über einen der größten Binnenmärkte der Welt, aber nicht über einen integrierten Kapitalmarkt. Unternehmen müssten sich weiter durch nationale Rechtsordnungen und Aufsichtsregeln arbeiten. Eine Kapitalmarktunion würde die 27 nationalen Finanzmärkte zu einem echten Binnenmarkt verschmelzen.

Start-up-Ökosystem in Europa: Talente vorhanden, Kapital fehlt

Das zentrale Problem: Schnell wachsende Technologiefirmen erhalten in Europa derzeit nicht ausreichend Wachstumskapital und weichen daher häufig in die USA aus. Calviño betonte: „Europa hat ein Start-up-Ökosystem, das absolut mit den USA vergleichbar ist. Es gibt ähnliches Talent, Forschungszentren, Universitäten, Start-ups.“ Doch in der Wachstumsphase fehle das Kapital für entscheidende Finanzierungsrunden. „Die Lücke entsteht dann, wenn Unternehmen skalieren müssen“, sagte die EIB-Chefin. Dafür fehlten zu häufig Geldgeber, und das habe mit der Fragmentierung des europäischen Kapitalmarktes zu tun.

Draghis 800-Milliarden-Warnung als politischer Weckruf

Diese Diagnose deckt sich mit dem 2024 erschienenen Wettbewerbsbericht des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi. Der Bericht prägt die politische Agenda der jetzigen EU-Kommission. Draghi hatte Europas Wachstumsmodell als überholt beschrieben und den jährlichen zusätzlichen Investitionsbedarf auf 800 Milliarden Euro beziffert, damit die EU nicht weiter technologisch und wirtschaftlich zurückfalle. Ohne tiefere Kapitalmärkte werde Europa die Investitionen nicht mobilisieren können.

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Die Mitgliedstaaten und die EU-Kommission in Brüssel wollen dafür die hohen privaten Ersparnisse der Europäer mobilisieren. Gelder, die noch zu häufig auf Bankkonten liegen oder im Ausland investiert werden, sollen direkt in Europas Börsen und Zukunftsunternehmen fließen, statt den Umweg über den US-Kapitalmarkt zu nehmen. Momentan legen viele Europäer ihr Geld in den USA an, wo auch Tech-Unternehmen aus Europa häufig eher Investoren finden und an die Börse gehen als in Europa. Um das zu ändern, braucht es nach Ansicht der Kommission mehr europaweite Fonds, tiefere Aktienmärkte, eine einheitliche Aufsicht und vereinfachte Ausstiegsmöglichkeiten für Investoren.

Zwei konkrete Gesetze: Zentrale Aufsicht und 28. Regime

Konkret nannte Calviño zwei Gesetze, die momentan in Brüssel von den EU-Regierungen verhandelt werden: eine zentrale Aufsicht über Europas Kapitalmärkte und einen EU-weiten, einheitlichen Rechtsrahmen für Unternehmen, das sogenannte 28. Regime. „Es gibt eine Reihe von Initiativen, die zu dieser Kapitalmarktunion führen müssen“, sagte Calviño. Ein selbst gestecktes Ziel, bis Juli eine Einigung zu erreichen, haben die EU-Regierungen jedoch verpasst.

Besonders umstritten ist die zentrale Aufsicht. Die Kommission, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien wollen der EU-Wertpapieraufsicht ESMA mehr direkte Zuständigkeiten für grenzüberschreitenden Wertpapierhandel geben. Widerstand kommt vor allem aus kleineren EU-Ländern wie Luxemburg, Irland und dem Baltikum. Diese Länder fürchten den Machtverlust ihrer eigenen nationalen Aufseher und eine Verlagerung von Geschäften an die großen EU-Finanzplätze Paris und Frankfurt. Calviño zeigte sich optimistisch: „Ich bin zuversichtlich, dass es bis Ende des Jahres eine Einigung geben wird.“

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EIB als Treiber: 30 Prozent des europäischen Venture Debts

Gleichzeitig treibt Calviño, die zuvor spanische Wirtschaftsministerin war und 2024 die Führung der EIB übernahm, die Kapitalmarktunion selbst voran. „Wir leisten unseren Beitrag“, sagte sie. In den vergangenen Jahren sei die EIB-Gruppe sehr erfolgreich darin gewesen, „das Ökosystem des europäischen Risikokapitals“ aufzubauen. Die Zahlen zeigen, wie groß die Rolle der öffentlichen Bank inzwischen ist: Im vergangenen Jahr hat die EIB etwa 30 Prozent des europäischen Venture Debts gestellt, sagte Calviño. Gemeint sind damit Kredite für Start-ups in einer frühen Phase. Der Europäische Investitionsfonds, die Tochter der EIB-Gruppe für Risikokapital und Garantien, habe rund 25 Prozent des europäischen Risikokapitals repräsentiert. Gleichzeitig wird damit deutlich, wie abhängig Europas Innovationsfinanzierung von öffentlichen Institutionen ist.

Deshalb versuche die EIB gerade, privates Kapital anzuziehen, statt es zu ersetzen. Die Logik ist die eines Ankerinvestors: Die EIB investiert nicht mehr in jedes Start-up direkt, sondern stützt große Risikokapital- und Wachstumsfonds, die dann ihrerseits in europäische Technologieunternehmen investieren. Das wichtigste Instrument dafür ist die „European Tech Champions“-Initiative. Sie wurde geschaffen, um größere europäische Fonds zu stützen, die späte Finanzierungsrunden stemmen können.

Mega-Fonds verdoppelt: Neue Milliarden für Europas Tech-Champions

Calviño verweist deshalb auf die sogenannten Mega-Fonds. Das sind Risikokapitalfonds mit mindestens einer Milliarde Euro Volumen. Die EIB-Gruppe habe dazu beigetragen, 15 solcher Mega-Fonds in Europa zu verankern, sagte sie. „Um eine Vorstellung davon zu geben, was das bedeutet: In zwei Jahren haben wir die Zahl der Mega-Fonds in Europa verdoppelt.“ Diese Fonds seien nötig, damit europäische Unternehmen nicht spätestens in der Wachstumsphase auf amerikanische Geldgeber und US-Börsen ausweichen müssten.

In der kommenden Woche plant die EIB-Gruppe nach Calviños Angabe, die zweite Phase der „European Tech Champions“-Initiative vorzustellen. Sie soll sich vor allem an Scale-ups richten. Die erste Phase habe nach Darstellung Calviños bereits geholfen, europäische Firmen mit Milliardenbewertungen und große Investmentfonds aufzubauen. Nun soll die Initiative größer werden und noch stärker private Investoren einbinden. Parallel arbeitet die EIB an weiteren Instrumenten für die Wachstumsphase europäischer Unternehmen. Calviño nannte eine „Exit-Toolbox“, an der die Bank arbeite. Dazu könnten Wandelinstrumente und Finanzierungen für Übernahmen gehören.

Von unten nach oben: EIB als Katalysator

„Von der Europäischen Investitionsbank aus handeln wir von unten nach oben“, sagte Calviño. Die Bank schaffe und vergrößere Instrumente, „die Ersparnisse in produktive Investitionen lenken“. Nun müssten die EU-Regierungen auch liefern, indem sie die notwendigen Reformen beschließen. „Es bleibt noch viel zu tun“, sagte Calviño, „damit Europa die Finanzierungslücke gegenüber den USA schließt.“