Der Chef des britischen Fondsanbieters Jupiter Asset Management, Matthew Beesley, rechnet damit, dass globale Investoren ihr Engagement in US-Aktien schrittweise reduzieren werden. Europa könnte davon jedoch nicht profitieren. Im Interview mit dem Handelsblatt erläutert Beesley, wohin das Kapital stattdessen fließen könnte und warum aktive Fondsmanager nun Vorteile haben.
Aktives Management im Aufwind
Beesley betont, dass die vergangenen zehn bis 15 Jahre für aktives Fondsmanagement schwierig waren. Nach der Finanzkrise habe die quantitative Lockerung zu einer breiten Vermögenspreisinflation geführt. Inzwischen habe sich das Blatt gewendet: Der Preisunterschied zwischen aktiven und passiven Fonds sei geringer geworden, und die Marktbedingungen begünstigten aktive Manager. Zunehmende Schwankungen und eine größere Streuung der Aktienkurse innerhalb von Sektoren böten Chancen. Beispielsweise klaffe zwischen der besten und schlechtesten Tech-Aktie in den USA eine riesige Lücke. Auch die Korrelationen zwischen Anlageklassen hätten sich normalisiert.
US-Aktien teuer, Europa günstig
Der Jupiter-CEO hält US-Aktien für überbewertet: Sie lägen im 90. Perzentil ihrer Bewertungshistorie der letzten 50 Jahre. Europäische Aktien hingegen handelten um ihren historischen Mittelwert. Für globale aktive Fondsmanager könnte es sich daher auszahlen, US-Aktien unterzugewichten und nach Europa umzuschichten. Zwar hätte man in der Vergangenheit mit einer solchen Strategie Rendite liegen lassen, doch Beesley glaubt, dass ein langfristiger Trend weg von US-Wertpapieren eingesetzt habe.
Gründe für die Umschichtung
Viele Investoren seien in US-Aktien übergewichtet. Hinzu kämen Sorgen um die US-Wirtschaft, die Handelspolitik und die Unberechenbarkeit der Regierung. Diese Faktoren führten zu ersten Umschichtungen. Als Alternativen nennt Beesley Europa, Asien und Schwellenländer, wobei die Nachfrage nach regionalen oder länderspezifischen Lösungen wie Indien-Fonds wachse. Der Prozess verlaufe graduell, da institutionelle Kunden lange Anlagezyklen von etwa sieben Jahren hätten.
Einfluss des Nahostkonflikts
Der Nahostkonflikt habe den Trend kurzfristig gebremst. Steigende Energiepreise belasteten Europa, sodass Kunden sich eher Asien und Schwellenländern zuwendeten. Ob die Präferenz für Europa zurückkehre, sei offen. Beesley erwartet Bewegungen beim Dollar oder bei Mittelabflüssen aus den USA, die jedoch noch nicht eingesetzt hätten.
Herausforderungen für aktive Manager
Der MSCI World sei hinter konzentrierteren Strategien zurückgeblieben. Zudem sei China im Schwellenländerindex dominant, was Bedenken hervorrufe. Viele Investoren bauten daher eigene Portfolios mit indischen, koreanischen oder lateinamerikanischen Aktien auf. Der deflationäre Druck durch Indexprodukte bleibe eine Herausforderung, doch Jupiter sei gewappnet.
Größe ist nicht alles
Beesley widerspricht der Annahme, dass eine kritische Größe von einer Billion US-Dollar nötig sei. Entscheidend sei das Verhältnis von Erträgen und Kosten. Jupiter sei mit rund 68,5 Milliarden Pfund verwaltetem Vermögen wettbewerbsfähig. Auf die Frage nach einer möglichen Übernahme antwortet er, dass er sich auf das Wachstum als unabhängiges Unternehmen konzentriere.



