Die Straße von Hormus ist das riskanteste Pflaster der internationalen Schifffahrt – doch griechische Reeder wie George Prokopiou fahren weiter und kassieren Rekordprämien. Während viele Konkurrenten ihre Tanker aus dem Persischen Golf abziehen, locken Frachtraten von bis zu 286.000 Dollar pro Tag für einen VLCC-Tanker. Gleichzeitig wurden seit Kriegsbeginn 58 Handelsschiffe angegriffen, 17 Seeleute kamen ums Leben.
Rekordfrachtraten trotz Lebensgefahr
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Für einen Very Large Crude Carrier (VLCC), der zwei Millionen Fass Rohöl transportieren kann, werden auf der Route vom Persischen Golf nach China derzeit bis zu 286.000 Dollar pro Tag gezahlt, wie die Shanghai Shipping Exchange meldet. Vor dem Iran-Konflikt lagen die Kosten bei 25.000 bis 50.000 Dollar. Diese Explosion der Frachtraten macht die gefährliche Passage für mutige Reeder zum Millionengeschäft.
George Prokopiou, der 79-jährige griechische Reeder, verkörpert diese Strategie wie kaum ein anderer. Mit seiner Reederei Dynacom schickte er in den vergangenen Monaten wiederholt Supertanker durch die Meerenge. Bereits im März, zu Beginn des Iran-Kriegs, durchquerten mindestens fünf Dynacom-Tanker die Passage, wie aus Schifffahrtskreisen verlautete.
Griechen dominieren den Öltransport
Die Schlüsselrolle griechischer Reeder in dieser Krise ist kein Zufall. Sie kontrollieren rund ein Viertel der weltweiten Tankertonnage und transportieren einen erheblichen Teil des Öls aus Saudi-Arabien, dem Irak, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Erdöls passieren die Straße von Hormus – fällt diese Route aus, geraten die Energiemärkte sofort unter Druck.
Laut Clarksons Research ist die Zahl der Transite durch die Straße von Hormus zeitweise um rund 90 Prozent gegenüber dem Vorkrisenniveau eingebrochen. Viele Reeder scheuen das Risiko oder erhalten keinen ausreichenden Versicherungsschutz mehr. Für einen Tanker im Wert von 120 Millionen Dollar stiegen die Versicherungsprämien laut Lloyd's List von rund 40.000 auf bis zu 1,2 Millionen Dollar je Passage.
Angriffe und elektronische Kriegsführung
Das Geschäft hat allerdings seinen Preis. Nach Angaben der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) wurden von Kriegsbeginn bis Mitte Juli 58 Handelsschiffe im Persischen Golf und im Golf von Oman angegriffen. 17 Seeleute kamen ums Leben. Die Angriffe reichen von Drohnen und Raketen bis hin zu elektronischer Kriegsführung, bei der Navigationssysteme gestört oder manipuliert werden.
Selbst modernste Tanker sind gegen diese Bedrohungen kaum geschützt. Sicherheitsberater berichten von GPS-Störungen, ständig wechselnden militärischen Anweisungen und kurzfristigen Änderungen der Schifffahrtsrouten. Viele Reedereien beschäftigen inzwischen rund um die Uhr Sicherheitsexperten, die jede militärische Entwicklung auswerten und ihre Kapitäne laufend mit neuen Anweisungen versorgen.
Prokopious Tanker unter Beschuss
Aber auch George Prokopiou hat nicht immer Glück. Vergangene Woche bestätigte Dynacom, dass zwei seiner Tanker vor der Küste Omans von Geschossen unbekannter Herkunft getroffen wurden. Die „Kavomaleas“, ein unter maltesischer Flagge fahrender Tanker der Panamax-Klasse, musste nach einem Brand im Maschinenraum evakuiert werden. Der unter liberianischer Flagge fahrende Tanker „Acheloos“ konnte einen sicheren Ankerplatz erreichen. In beiden Fällen blieben die Besatzungen offenbar unverletzt.
Seeleute zwischen Geld und Lebensgefahr
Für die Seeleute ist jede Reise eine Entscheidung zwischen Geld und Lebensgefahr. Reedereien locken mit außergewöhnlich hohen Prämien. Trotzdem lehnen viele Seeleute den Einsatz ab. Der internationale Ausbildungsverband GlobalMET berichtet, zahlreiche Besatzungsmitglieder verließen ihre Schiffe noch vor dem Auslaufen. Doch meist finden die Reeder rasch Ersatz. Die hohen Boni und Versicherungsprämien fallen angesichts der Rekordfrachtkosten kaum ins Gewicht.
Für viele griechische Schiffseigner gehört die Bereitschaft, in Krisenzeiten Risiken einzugehen, zur eigenen Unternehmenskultur. Schon die Tankerkönige Aristoteles Onassis und Stavros Niarchos bauten ihre Imperien auf, indem sie während internationaler Krisen transportierten, wenn andere zögerten. George Prokopiou sieht sich in dieser Tradition: „Wer nicht bereit ist, Risiken einzugehen, hat in der Schifffahrt nichts verloren“, sagte er schon 2014 dem Branchenmagazin TradeWinds. Prokopiou kontrolliert mit Dynacom Tankers, Sea Traders und Dynagas eine Flotte von rund 180 Schiffen.
Zunehmende Schwierigkeiten für Reeder
Doch auch für erfahrene Reeder wird die Lage schwieriger. Neben der Bedrohung durch Raketen belasten steigende Versicherungsprämien, kurzfristige Sperrungen von Schifffahrtskorridoren und elektronische Angriffe auf Navigationssysteme das Geschäft. Die Straße von Hormus war schon immer eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt – in diesem Jahr ist sie zugleich zum riskantesten Geschäftsmodell der internationalen Schifffahrt geworden. Und kaum jemand wagt in diesem Geschäft so viel wie die griechischen Reeder.



