Graphic Novel „Die Summe seiner Teile": KI und die Frage nach dem Menschsein
KI-Comic „Die Summe seiner Teile": Tanz mit dem Tod

Die Graphic Novel „Die Summe seiner Teile“ von Julia Zejn und Matthias Lehmann zählt zu den herausragenden Comicerzählungen des Jahres. Das Duo, das in Leipzig im selben Atelier arbeitet, widmet sich einer Frage, die die Menschheit seit jeher beschäftigt: Was macht den Menschen zum Menschen? Angesiedelt in einer nahen Zukunft, erzählt das Werk von einem Paar, das nach einem tödlichen Unfall die Möglichkeit erhält, den Verstorbenen mithilfe Künstlicher Intelligenz digital weiterleben zu lassen.

Eine Geschichte zwischen Liebe und Technologie

Im Zentrum stehen Joshua und Mara, ein junges Paar in einer glücklichen Beziehung. Ein verhängnisvoller Unfall verändert alles: Joshua wird schwer verletzt und liegt im Sterben. Kurz vor seinem Tod bietet sich ihm die Chance, an einem neurowissenschaftlichen Forschungsprogramm namens „Mensana“ teilzunehmen. Dieses Programm ermöglicht es, sein Bewusstsein mithilfe von Gehirnscans und KI-Programmen in eine digitale Form zu übertragen. Joshua und Mara willigen ein, das Experiment zu wagen.

Die Erzählung wechselt zwischen zwei Zeitebenen: In Rückblenden wird die Zeit vor dem Unfall geschildert, während die Gegenwart Maras Leben nach Joshuas körperlichem Tod zeigt. Die Autorin Julia Zejn, bekannt für ihre Graphic Novel „Andere Umstände“, hat das Drehbuch verfasst. Matthias Lehmann, der mit „Parallel“ bereits Aufmerksamkeit erregte, setzte es in digitalen Schwarz-Weiß-Tuschezeichnungen um. Seine Bildsprache ist virtuos: Mit eleganten, fließenden Strichen entwirft er eine Welt, in der Natur und Technik fast symbiotisch verschmelzen.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die Illusion des Weiterlebens

Zunächst scheint das digitale Weiterleben Joshuas wie eine nahtlose Fortsetzung der Beziehung. Doch bald wird deutlich, dass das KI-generierte Abbild kein vollwertiger Ersatz ist. Das Programm erzeugt einen Klon, der ein beunruhigendes Eigenleben entwickelt. Maras Gefühle schwanken zwischen Glück und Angst, Hoffnung und Verwirrung. Die Künstler zeigen einfühlsam, wie sie mit der neuen Situation ringt.

Lehmanns Zeichnungen sind von expressiver Kraft: In kontrastreichen Panelfolgen führt er die Leser nah an die Figuren heran, deren Mimik und Gestik überzeugend naturalistisch sind. Immer wieder wechseln sich realistische Szenen mit visuellen Metaphern und magischem Realismus ab, die das Spannungsverhältnis von Natur und Technologie veranschaulichen. Eine besondere Rolle spielt Maras Beruf: Sie ist Tänzerin, und viele Emotionen werden über ihre Körpersprache vermittelt. Eine Rückblende zeigt sie bei einer Performance, in der sie mit einer Figur tanzt, deren kantiger Schädel an den Tod erinnert – ein prophetisches Sinnbild für ihr späteres Dilemma.

Ethische Fragen der Gegenwart

Die Graphic Novel greift aktuelle ethische und philosophische Debatten auf: Wie weit kann eine Maschine einen Menschen imitieren oder ersetzen? Was passiert, wenn die KI eigene Entscheidungen trifft, die für Menschen unverständlich sind? Und wie geht man am besten mit Verlust um – indem man an der Vergangenheit festhält oder indem man den Tod akzeptiert und nach vorn blickt? Die Künstler liefern keine endgültigen Antworten, sondern laden die Leser ein, sich selbst Gedanken zu machen.

Stilistisch erinnert die Figurenzeichnung in ihrer Expressivität an den US-amerikanischen Zeichner Will Eisner, während die poetische Stimmung an Manuele Fiors „Die Übertragung“ denken lässt. „Die Summe seiner Teile“ ist ein anregendes und künstlerisch herausragendes Werk, das den Traum vom ewigen Leben in das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz überführt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration