Industrieexperte: Kein Niedergang, sondern Transformation
Industrieexperte: Kein Niedergang, sondern Wandel

Die deutsche Industrie befindet sich im freien Fall? Ein Experte widerspricht. Harro Heilmann, Professor für Produktion und Management an der Hochschule Aalen, sieht die Lage differenzierter. Im Podcast „Das Klima-Labor von ntv“ erklärte er, dass die oft zitierte Erzählung vom Niedergang der Industrie auf einer Fehlinterpretation von Daten beruhe. „Die missbräuchliche Verwendung ist politisch motiviert. Es geht auch darum, Ausreden oder einen Sündenbock für unternehmerische Fehlentscheidungen zu finden“, so Heilmann.

Produktionsindex täuscht über tatsächliche Entwicklung

Häufig werde der Produktionsindex des Statistischen Bundesamtes als Beleg für eine Deindustrialisierung angeführt. Dieser Index zeige jedoch nur den Rückgang der Stückzahlen innerhalb einer festgelegten Struktur, nicht aber Veränderungen in der Produktzusammensetzung. „30.000 gut ausgestattete VW-Golf haben einen Wert von ungefähr 1,5 Milliarden Euro. Eine einzelne Fregatte aber auch“, verdeutlicht Heilmann. Sinnvoller sei es, den Anteil des verarbeitenden Gewerbes am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu betrachten. Dieser lag 2023 bei 21,9 Prozent und 2025 bei 20,6 Prozent – ein weitaus geringerer Rückgang als die suggerierten 10 bis 20 Prozent.

Politisch motivierte Nutzung der Daten

Heilmann wirft Akteuren wie dem CDU-Mittelstandsverband MIT vor, den Produktionsindex bewusst zu verzerren, um Vorteile oder staatliche Hilfen für Unternehmen herauszuschlagen. „Es läuft nicht? Die Standortbedingungen sind schuld. Oder die hohen Energiekosten. Das Unternehmen oder das Management jedenfalls nicht“, kritisiert er. Dabei sei die Industrie groß und heterogen. Es gebe strategisch wichtige Bereiche wie die Chemie, die tatsächlich unter hohen Energiekosten litten, etwa Wacker Chemie in Burghausen. Deren Vorhaben, 40 Windkraftanlagen zu bauen, scheitere an Bürgerprotesten.

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Industriestrompreis nicht das Hauptproblem

Die Diskussion um die Industriestrompreise sei ebenfalls verzerrt. „Der heutige Industriestrompreis befindet sich auf dem Niveau von vor zehn Jahren. Warum ist die Industrie nicht damals untergegangen, wenn hohe Energiekosten die Ursache für unsere Probleme sind?“, fragt Heilmann. Inflationsbereinigt sei der Industriestrom heute sogar 25 Prozent günstiger. Für die meisten Unternehmen sei der Strompreis daher nicht das zentrale Problem, wohl aber für energieintensive Firmen wie Wacker Chemie oder die Chip- und PV-Produktion.

Neue Branchen mit hervorragenden Aussichten

Trotz der Diskussionen um Stellenabbau, etwa bei VW mit bis zu 100.000 Stellen, sieht Heilmann positive Entwicklungen. „Versuchen Sie mal, diese Entwicklung von Wertschöpfung in den Statistiken zu verfolgen“, sagt er mit Blick auf die Raumfahrt. In Berlin, Bremen und München entstehe eine „irre Dynamik“. Unternehmen wie Exolaunch in Berlin seien global führend als Mitfahrzentrale für Satellitenstarts. Auch Siemens Energy und die Pharmabranche böten hervorragende Zukunftsaussichten. Die deutschen Autobauer starteten zudem ein „Produktfeuerwerk“. Der Fehler sei gewesen, dass Manager 2010 über Elektromobilität nur gelacht hätten.

Meta-Jobs ohne Wertschöpfung abbauen

Der massive Stellenabbau sei zum Teil auf „Meta-Jobs“ zurückzuführen, also Prozessjobs auf niedrigerer Managementebene, die keine Wertschöpfung generierten. „Das ist der Deutschland-Achter mit acht Steuerleuten und nur einem Ruderer“, veranschaulicht Heilmann. Solange es gut laufe, gingen Unternehmen diese harten Themen nicht an. Jetzt müsse korrigiert werden. Die Betroffenen würden jedoch dringend in wachsenden Branchen wie Raumfahrt oder Rüstung gebraucht.

Resilienz trotz Schocks

Heilmann betont die Resilienz der deutschen Wirtschaft trotz einer Serie von Schocks: Corona 2020, Ukraine-Krieg 2022, Zollschock durch Donald Trump 2025 und Iran-Krieg 2026. „Man darf der deutschen Wirtschaft durchaus eine gewisse Resilienz zuschreiben.“ Er würde die Entwicklung als Transformation bezeichnen, nicht als Niedergang. „Das ist kein Niedergang, sondern eine Veränderung“, so Heilmann abschließend.

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