Anbieter bargeldloser Bezahlsysteme wie Sumup, Mollie oder Stripe drängen immer stärker in das klassische Bankgeschäft vor. Sie bieten kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) nicht nur Zahlungsabwicklung, sondern auch Kredite, Umsatzanalysen und integrierte Finanzdienstleistungen an – oft schneller und unkomplizierter als traditionelle Hausbanken. Dieser Trend, bekannt als Embedded Finance, könnte die Beziehung zwischen Unternehmen und Banken nachhaltig verändern.
Vom Kartenlesegerät zur Komplettlösung
Ein Elektriker tauscht eine defekte Steckdose aus, tippt Kosten und Arbeitszeit in ein Kartenlesegerät – und der Kunde bezahlt sofort. Statt später eine Rechnung zu schreiben und wochenlang auf Zahlung zu warten, landet das Geld oft schon am nächsten Tag auf dem Geschäftskonto. Payment-Service-Provider wie Sumup oder Mollie machen digitales Bezahlen auch für Kleinunternehmen erschwinglich und effizient. Darüber hinaus bieten sie digitale Dashboards, mit denen Firmen ihre Tages- und Monatsumsätze in Echtzeit verfolgen können – eine Funktion, die bisher Großkonzernen vorbehalten war.
Direkter Datenzugang als Wettbewerbsvorteil
Durch Kartenlesegeräte und Bezahlplattformen erhalten Payment-Anbieter tiefe Einblicke in Absatz- und Umsatzdaten ihrer Kunden. „Der Vorteil liegt in der direkten Schnittstelle zum Unternehmen“, sagt Jochen Siegert, Berater für Payment und digitale Transformation. Aus diesen Daten lasse sich schnell eine Bonitätsbewertung ableiten, um etwa Kreditangebote zu unterbreiten. Embedded Finance integriert Finanzdienstleistungen wie Zahlungsflüsse, Versicherungen und Analysetools direkt in Software oder Apps – ohne Umweg über eine Bank.
Hausbanken lassen Lücken – Fintechs springen ein
Viele Hausbanken haben standardisierte Prozesse eingeführt, die wenig Spielraum für individuelle Kreditvergaben lassen. „Das ist ein interessantes Segment für Fintechs, weil Banken insbesondere jungen und kleinen Firmen, deren Geschäftsmodell sie noch nicht kennen, selten einen schnellen Kredit gewähren“, erklärt Siegert. Fintechs hingegen nutzen tagesaktuelle Umsatzdaten, um die finanzielle Situation ihrer Kunden vorausschauend zu bewerten und kurzfristig Kredite zu vergeben – etwa für Wareneinkäufe im Sommer, die erst im Winter Umsatz bringen.
Kreditvergabe in Rekordzeit
Der niederländische Anbieter Mollie gewährt Finanzierungen bis zu 250.000 Euro. Vom Antrag bis zur Auszahlung vergehen im Idealfall nur ein bis zwei Tage. Statt eines klassischen Zinssatzes fällt eine einmalige Festgebühr an; die Rückzahlung erfolgt automatisch als Prozentsatz vom Tagesumsatz. Datengetriebene und KI-basierte Systeme ermöglichen eine exakte Risikoeinschätzung. Zwar liegen die Finanzierungskosten oft höher als bei Banken, doch der geringere Aufwand überzeugt: Statt Jahresabschluss und Investitionsplan einzureichen, genügt ein Klick auf dem Dashboard.
Markt wächst rasant – Stripe als Vorreiter
Das rasante Wachstum des irisch-amerikanischen Anbieters Stripe zeigt das Potenzial: Im vergangenen Jahr betrug das weltweite Zahlungsvolumen über die Plattform 1,9 Billionen US-Dollar – ein Plus von 34 Prozent zum Vorjahr. Die Bewertung des Start-ups liegt bei 159 Milliarden US-Dollar, ein Zuwachs von 70 Prozent. Stripe zählt damit zu den wertvollsten nicht börsennotierten Fintechs weltweit.
Banken profitieren indirekt – aber verlieren Kundenkontakt
Hinter vielen Kreditangeboten stehen Banken als Refinanzierer, die das kleinteilige Geschäft skalierbar machen. Für Großbanken kann das Risiko über Embedded-Finance-Anbieter attraktiv gestreut sein, da viele kleine Kreditlinien das Ausfallrisiko besser verteilen. Gleichzeitig versuchen Banken, Datenanalyse und KI stärker in ihre Produkte einzubinden, um als Kreditgeber attraktiv zu bleiben. „Allerdings erreichen Banken beim Analysieren von Kontodaten und Entwickeln von Angeboten bisher nicht dieselbe Geschwindigkeit wie die Fintechs“, so Siegert.
Chancen und Risiken für Mittelständler
„Für Handwerker, Landwirte oder kleinere Mittelständler kann Embedded Finance besonders sinnvoll sein“, sagt Jan P. Otto, Partner für Financial Services Transformation bei PwC. Gerade Firmen, deren Kernkompetenz nicht in Buchhaltung und Finanzen liegt, profitierten von automatisierten Prozessen. Allerdings warnt Otto vor einem Lock-in-Risiko: „Embedded Finance entsteht häufig aus einer guten, bestehenden Anbieterbeziehung – wodurch ein Lock-in-Risiko besteht.“ Unternehmen wachsen über Zahlungs-, Shop- oder Kassenlösungen langsam in das Angebot hinein. Erst wenn der Anbieter die Einnahmen genauestens kennt, tritt er mit einer Kreditmöglichkeit an sie heran. Ein Wechsel zu einem anderen Fintech wäre dann mit erheblichem Aufwand verbunden. Ottos Rat: In diesem Fall sollte man wieder bei der Hausbank anfragen.



