Der britische Pharmakonzern AstraZeneca erwägt einem Zeitungsbericht zufolge einen Zusammenschluss mit dem US-Konkurrenten Bristol Myers Squibb. Es wäre eine der größten Fusionen in der Wirtschaftsgeschichte. Das berichtet die „Financial Times“ am Sonntag unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen. Demnach haben die beiden Konzerne in den vergangenen Monaten Gespräche geführt. Ein Abschluss könnte dem Bericht zufolge in naher Zukunft erfolgen, sich aber auch verzögern oder gänzlich scheitern.
Eine Fusion mit historischen Dimensionen
Die mögliche Transaktion ließe einen der weltweit größten Pharmakonzerne entstehen. Zusammen kommen AstraZeneca und Bristol Myers Squibb an der Börse auf einen Wert von rund 400 Milliarden Dollar (umgerechnet rund 345 Milliarden Euro). Allein AstraZeneca bringt es nach derzeitigen Börsendaten auf eine Marktkapitalisierung von etwa 196 Milliarden Pfund, was rund 264 Milliarden Dollar entspricht. Bristol Myers Squibb wird an der Wall Street mit ungefähr 133 Milliarden Dollar bewertet. Diese Zahlen verdeutlichen das außergewöhnliche Ausmaß der Gespräche: Eine Fusion auf dieser Ebene würde die Rangliste der globalen Pharmaindustrie spürbar verändern.
Die „Financial Times“ beruft sich in ihrem Bericht auf mehrere Insider, die mit den Vorgängen vertraut sind. Die Gespräche laufen demnach seit mehreren Monaten. Allerdings sei noch keine endgültige Entscheidung gefallen. Branchenkenner betonen, dass ein solcher Deal zahlreiche Hürden nehmen müsste – von der Zustimmung der Aktionäre bis hin zur Prüfung durch Wettbewerbsbehörden in den USA, der EU und anderen Märkten.
AstraZeneca setzt verstärkt auf den US-Markt
Hinter den Fusionsplänen steht laut Einschätzung von Analysten die Strategie von AstraZeneca-Chef Pascal Soriot. Der Franzose treibt die Expansion des Konzerns in den Vereinigten Staaten seit Jahren voran. Erst im Juni hatte AstraZeneca seine Notierung an der New Yorker Börse aufgewertet – ein Schritt, der weithin als Rückschlag für den britischen Finanzplatz London gewertet wurde. Mit einer Fusion mit Bristol Myers Squibb wäre die US-Präsenz weiter massiv ausgebaut.
Bristol Myers Squibb, gegründet im 19. Jahrhundert, gehört zu den etablierten Größen der US-Pharmabranche. Das Unternehmen mit Hauptsitz in New York ist bekannt für ein breites Spektrum an verschreibungspflichtigen Medikamenten, darunter Präparate gegen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Verbindung mit AstraZeneca würde die Forschungs- und Vertriebskapazitäten beider Häuser bündeln und ein enormes Portfolio an patentgeschützten Wirkstoffen vereinen.
Bedeutung für den Pharmamarkt und die Finanzmärkte
Sollte die Mega-Fusion gelingen, würde sie die Wettbewerbslandschaft in der Pharmaindustrie neu ordnen. Das fusionierte Unternehmen wäre gemessen am Börsenwert unter den fünf größten Pharmakonzernen der Welt. Es würde noch stärker mit Branchenriesen wie Eli Lilly, Johnson & Johnson oder Pfizer konkurrieren. Dies könnte wiederum weitere Konsolidierungswellen auslösen, da kleinere Anbieter unter Druck geraten, ihre Produktpipelines zu stärken.
Für den Finanzplatz London wäre die Fusion ein weiterer Schlag. AstraZeneca gilt als das zweitwertvollste börsennotierte Unternehmen Großbritanniens. Sollte der Konzern seinen Hauptsitz oder einen wesentlichen Teil seiner Aktivitäten in die USA verlagern, würde dies den Londoner Markt weiter schwächen. Bereits in der Vergangenheit hatten mehrere große Unternehmen ihre Notierung an der Themse zugunsten von New York aufgegeben. Die mögliche Fusion verstärkt die Sorge, dass London im internationalen Wettbewerb der Börsenplätze weiter zurückfällt.
Offene Fragen und Ausblick
Weder AstraZeneca noch Bristol Myers Squibb haben sich bislang offiziell zu dem Bericht geäußert. Beide Unternehmen blieben am Wochenende auf Anfragen zunächst stumm. Die „Financial Times“ beruft sich in ihrem Bericht auf Informationen aus Unternehmenskreisen. Ob die Gespräche tatsächlich zu einer Einigung führen, bleibt abzuwarten. Branchenexperten verweisen darauf, dass Fusionsverhandlungen in dieser Größenordnung komplex sind und häufig scheitern.
Unabhängig vom Ausgang zeigt die Nachricht, wie sehr sich die Pharmabranche in einer Phase der Neuordnung befindet. Der weltweite Wettbewerb um innovative Medikamente und neue Märkte ist intensiver denn je. Milliarden schwere Deals sind keine Seltenheit mehr. Doch eine Fusion von zwei Unternehmen mit einem kombinierten Marktwert von fast 400 Milliarden Dollar wäre historisch – und würde die Branche für Jahre prägen.



