Prahovo – Die seit Wochen anhaltende Trockenheit in Südosteuropa hat an der Donau bei Prahovo ein außergewöhnliches Schauspiel offenbart: Die Überreste einer deutschen Kriegsflotte aus dem Zweiten Weltkrieg ragen aus dem stark gesunkenen Wasser des Flusses. Die Schiffe wurden im Herbst 1944 kurz vor dem Ende des Krieges absichtlich versenkt, nachdem ein deutscher Admiral den Befehl erteilt hatte, sie zu opfern, um den Vormarsch der Roten Armee zu behindern.
Diese taktische Maßnahme war Teil des Rückzugs der deutschen Wehrmacht vor den anrückenden sowjetischen Truppen. Die Donau spielte damals eine zentrale Rolle als Nachschubroute. Über den Fluss wurden Truppen, Waffen und Güter transportiert. Als immer klarer wurde, dass die Front nicht zu halten war, erhielten die Einheiten den Befehl, die Flotte selbst zu versenken. Die Soldaten hatten strikte Anweisungen, keine brauchbare militärische Ausrüstung in feindliche Hände fallen zu lassen. Die Versenkung der Schiffe diente also nicht nur der Zerstörung eigenen Materials, sondern auch als Sperre: Die Wracks sollten die Donau flussaufwärts unpassierbar machen. Tatsächlich wirkt diese Barriere bis zum heutigen Tag fort.
Ein Flaschenhals für den Güterverkehr
Die versenkten Schiffe sind zu einem ständigen Hindernis für die Binnenschifffahrt geworden. Nach Angaben der Europäischen Investitionsbank (EIB) kommt es durch die Wracks regelmäßig zu erheblichen Verzögerungen im Warentransport. Die Fahrrinne der Donau verengt sich an dieser Stelle von 180 Metern auf nur noch knapp 90 Meter. Das entspricht einer Halbierung der verfügbaren Durchfahrtsbreite. Lastkähne und andere Frachtschiffe müssen ihre Geschwindigkeit erheblich drosseln oder sogar ihre Routen ändern. Gerade bei starkem Verkehrsaufkommen führt die Engstelle zu erheblichen Staus.
Die wirtschaftlichen Folgen sind beträchtlich: Schätzungen zufolge verliert die serbische Wirtschaft durch diese Engstelle jährlich rund fünf Millionen Euro. Diese Summe ergibt sich aus verlorener Zeit, höherem Treibstoffverbrauch und notwendigen Umplanungen der Logistik. Insgesamt wurden laut den Angaben im Bereich des Hafens von Prahovo während des Zweiten Weltkriegs etwa 200 Schiffe versenkt. Darunter befanden sich bewaffnete Boote, die mit Munition beladen waren, sowie Landungs-, Transportschiffe und Schlepper. Viele dieser Wracks liegen noch immer in der Donau und machen den Flussabschnitt zu einem gefährlichen Nadelöhr.
Die EU hilft mit Millionen bei der Bergung
Um die Schifffahrt auf der Donau zu erleichtern, hat die Europäische Union ein Bergungsprojekt initiiert. Geplant ist die Entfernung von 21 besonders hinderlichen Wracks. Die Europäische Investitionsbank fungiert dabei als strategischer Partner und stellt einen EU-Zuschuss in Höhe von 16 Millionen Euro bereit. Die Arbeiten haben bereits begonnen: Zwei der Schiffswracks konnten im Sommer 2024 mit Hilfe von Seilen angehoben und geborgen werden. Die EIB verfolgt das Ziel, die Bergung bis zum Jahr 2028 abzuschließen.
Die Donau ist eine der wichtigsten Wasserstraßen Europas. Sie verbindet wirtschaftliche Zentren mehrerer Länder und ist für den Warenaustausch unverzichtbar. Das Bergungsprojekt soll die Passage nicht nur sicherer, sondern auch effizienter machen. Nach Einschätzung der EIB könnte die Räumung der Engstelle die Transportkosten deutlich senken und die Zuverlässigkeit der Lieferketten verbessern.
Die wiederkehrenden Trockenperioden haben dazu geführt, dass die Donau in diesem Abschnitt immer wieder ungewöhnlich tiefe Wasserstände aufweist. Dadurch werden die Wracks nicht nur sichtbar, sondern auch für die Schifffahrt noch gefährlicher. Bei Niedrigwasser müssen Schiffe mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit manövrieren, in extremen Fällen wartet der Verkehr stundenlang vor der Engstelle.
Munition und schlechte Sicht erschweren die Arbeit
Die Arbeiten im Fluss sind jedoch kompliziert und riskant. Manche der Wracks könnten immer noch Munition aus dem Zweiten Weltkrieg enthalten, warnt die EIB. „Aufgrund der schlechten Sichtverhältnisse im Fluss müssen Taucher die Schiffe von Hand untersuchen“, heißt es auf einer Webseite zu dem Projekt. „Je nach Größe und Zustand können manche Schiffe möglicherweise nicht mehr geborgen werden.“
Für solche Fälle stehen den Fachleuten mehrere Methoden zur Verfügung: Die Wracks können unter Wasser zerschnitten, ausgegraben oder sogar im Flussgrund vergraben werden. Diese Techniken wurden offenbar bereits bei zwei Wracks angewendet. Bei anderen Schiffen wird eine komplette Bergung angestrebt, sofern dies sicher und technisch machbar ist. Auch umweltschützende Aspekte spielen eine Rolle, denn die Überreste der Kriegsschiffe können mit der Zeit Schadstoffe abgeben.
Ein ungewöhnliches Spektakel für die Anwohner
Während die Behörden Pläne für die Räumung der Engstelle vorantreiben, ziehen die freigelegten Wracks wachsende Aufmerksamkeit auf sich. Für neugierige Anwohner und Schaulustige in der Region sind die Überreste der Kriegsmarine eine spannende Attraktion. Sie erinnern an die bewegte Geschichte des Balkanraums und daran, wie Konflikte der Vergangenheit noch lange nachwirken können.
Der Fund in Prahovo verdeutlicht zugleich, wie stark der Klimawandel und längere Trockenperioden die Landschaft und Flüsse verändern. Der niedrige Wasserstand, der die Wracks sichtbar machte, ist eine Folge der anhaltenden Hitze. Es bleibt abzuwarten, ob die Bergungsarbeiten die Schifffahrt auf der Donau nachhaltig erleichtern und ob die historischen Hinterlassenschaften endgültig verschwinden werden – oder ob weitere Trockenjahre noch mehr Geheimnisse aus der Flusssohle hervorbringen.



