Die Women's Super League (WSL) in England zieht im Frauenfußball immer mehr Topspielerinnen aus der Bundesliga ab. Auch der Wechsel von Alexia Putellas vom FC Barcelona zu den London City Lionesses für ein Jahresgehalt von rund 1,7 Millionen Euro zeigt die neue finanzielle Dimension. Die Bundesliga kann mit dieser Entwicklung kaum mithalten, wie Spielerberater Jörg Neblung der dpa erklärte.
Rekordtransfers und Millionengehälter
„Mit dieser Wucht von Toptransfers hätte ich jetzt nicht gerechnet. Sowohl was die Höhe der Ablösen angeht, als auch die der Gehälter, die wir inzwischen erreicht haben“, sagte Neblung, der mit seiner Agentur Fem11 seit Jahren Fußballerinnen betreut. Die WSL profitiert von finanzstarken Investoren wie Michele Kang, die bereits Olympique Lyon und den Washington Spirit besitzt und nun auch die London City Lionesses übernommen hat.
In Spanien verstärkte sich Real Madrid unter anderem mit der deutschen Nationalspielerin Elisa Senß (Eintracht Frankfurt) und Wolfsburgs Torjägerin Lineth Beerensteyn. In England kaufen der FC Arsenal und die Lionesses kräftig ein. Die Bundesliga verliert derweil viele bekannte Gesichter: Sjoeke Nüsken (FC Chelsea), Rebecca Knaak, Sydney Lohmann (beide Manchester City) und Lea Schüller (Manchester United) wechselten bereits. Zuletzt folgten Georgia Stanway (FC Bayern zu Arsenal) und Selina Cerci (Hoffenheim zu Arsenal), Vivien Endemann (Wolfsburg zu Liverpool) und Nicole Anyomi (Frankfurt zu den Lionesses).
FBL will Abwanderung stoppen
Die neu gegründete Frauen-Bundesliga FBL e.V. will die Abwanderung künftig verhindern. „Selbst der FC Bayern kann nicht alle Spielerinnen in Deutschland halten, weil diese im Ausland deutlich mehr Geld verdienen“, sagte FBL-Präsidentin Katharina Kiel im „Kicker“-Interview. Die WSL habe „mehr Mut bei der Umsetzung bestimmter Thematiken“.
Für Aufsehen sorgte der Wechsel von Toptalent Lisa Baum von RB Leipzig zu Arsenal: Laut „Bild“ zahlte Arsenal rund 600.000 Euro Ablöse – Rekord für eine Bundesliga-Spielerin. Die 19-Jährige hat noch kein A-Länderspiel bestritten. Bundestrainer Christian Wück und seine Assistentinnen Maren Meinert und Saskia Bartusiak werden künftig häufiger nach England reisen, um die Spielerinnen vor Ort zu beobachten.
Bundestrainer sieht Standort geschwächt
Wück sieht die Entwicklung zwiegespalten. „Ich glaube, für die individuelle Entwicklung einer Spielerin ist ein Wechsel – egal ob national oder international – immer gut. Weil sie neuen Input bekommt, weil sie eine neue Mannschaft kennenlernt, weil sie sich durchsetzen muss in einem neuen Umfeld“, erklärte der 53-Jährige. Aber natürlich werde der Fußball-Standort Deutschland geschwächt, „wenn man die besten Spielerinnen nicht halten kann“.
Die US-Liga NWSL, in der unter anderem DFB-Stammkeeperin Ann-Katrin Berger (Gotham FC) spielt, hat laut Neblung noch das Problem des Salary Caps: „Sonst würden die auch in ganz andere Dimensionen vorstoßen.“ Das Gehaltsbudget pro Team ist dort auf 3,7 Millionen US-Dollar (etwa 3,2 Millionen Euro) pro Saison begrenzt.
Klara Bühl bleibt in München
Neblung, dessen prominenteste Klientin Klara Bühl ist, sagt: „In England ist eben Investorenpower dahinter. Bei der Gehaltsspirale sind wir inzwischen im Millionen-Brutto-Verdienst-Bereich bei den Topspielerinnen der Welt angekommen. Da kann Deutschland nicht mithalten.“
Die DFB-Flügelflitzerin vom FC Bayern hatte sich im vergangenen Jahr trotz verlockender Angebote gegen einen Wechsel ins Ausland entschieden. Sie sagt heute, der Anreiz in München (Vertrag bis 2027) sei einfach noch größer: „Ich fühle mich hier extrem wohl. Ich bin jetzt schon die sechste Saison hier, aber habe immer noch das Gefühl, dass wir eben immer wieder einen Schritt weiter nach vorn machen und das will ich ja so lange wie möglich mit antreiben.“
Marktwert von Bühl auf Rang zwei
Bühls Marktwert ist derweil weiter gestiegen: Die 25-Jährige liegt im Ranking des Portals Soccerdonna mit geschätzten 1,65 Millionen Euro auf Rang zwei, hinter der Engländerin Alessia Russo (Arsenal, 1,8 Millionen) und vor Spaniens Superstar Aitana Bonmatí (1,6 Millionen).
Münchens Sportdirektorin Bianca Rech sieht den deutschen Double-Gewinner nach wie vor in der Lage, Topspielerinnen zu holen. Doch allgemein gelte: „Wenn man sich anguckt, was da im Moment los ist, ist schon schwierig, auch für den FC Bayern. Es liegt gar nicht so sehr an uns, es geht darum, die Attraktivität der Liga zu steigern“, sagte sie dem Bayerischen Rundfunk.
„Spielerinnen wollen Wettbewerb haben, Spielerinnen wollen in einer attraktiven Liga spielen“, führte Rech aus, „und das ist im Moment in England gegeben auf einem sehr, sehr hohen Niveau, plus auf einem hohen finanziellen Niveau. Da müssen wir uns aktuell hinten anstellen.“



