Claudia Pechstein (54) und Matthias Große (58) sind das ungewöhnlichste Paar im deutschen Sport: privat liiert, beruflich als Bundestrainerin und Verbandspräsident eng verbunden. Ohne ihren Lebensgefährten hätte die fünfmalige Olympiasiegerin ihren jahrelangen Kampf gegen Dopingvorwürfe wohl nicht durchgestanden. „Ohne Matthias hätte ich den Kampf niemals durchgestanden“, betont Pechstein immer wieder. Dabei begann ihre Geschichte in einer dunklen Phase ihres Lebens.
Der Tiefpunkt 2009: Pechstein denkt an Suizid
Im Frühjahr 2009 steht Claudia Pechstein am Tiefpunkt. Die Eisschnelllauf-Ikone sieht sich nach einem Verdacht auf Blutdoping massiven Anfeindungen ausgesetzt, obwohl kein positiver Dopingtest vorliegt. Die Antidoping-Instanzen und der Internationale Sportgerichtshof Cas werten einen zu hohen Anteil roter Blutkörperchen als Indiz für Blutdoping und sperren sie für zwei Jahre. In ihrem Buch „Von Gold und Blut“ beschreibt sie ihre Verzweiflung: „Auf der neuen A71 gibt es eine riesige Autobahnbrücke. Hier sind schon einige freiwillig heruntergesprungen. Überlebt hat es keiner von ihnen.“ Eine Kopfwäsche von Manager Ralf Grengel (61), dem sie eine Abschieds-SMS schickt, rettet ihr das Leben.
Nur Monate später, im Dezember 2009, steht ihr Matthias Große gegenüber. Der Berliner Unternehmer, ein Mann wie ein Baum, glaubt an ihre Unschuld, als es kaum jemand tut. Er bietet ihr moralische und finanzielle Unterstützung an, wird zu einer Art Bodyguard in allen Lebenslagen. Gemeinsam beziehen sie eine Burg im „Weißen Kreml“ von Köpenick, einer Mischung aus Weißem Haus und Kreml im Berliner Ortsteil.
16 Jahre Kampf: Der Fall Pechstein endet 2025 mit Vergleich
Der Fall Pechstein zieht sich über unglaubliche 16 Jahre hin. Erst im März 2025 wird das Kapitel nach der Rehabilitierung und einer Einigung mit dem Weltverband ISU geschlossen. Ein Vergleich mit einer Millionenzahlung an die Athletin ist nicht zuletzt Große und seiner Hartnäckigkeit zu verdanken. Er begleitet sie durch Gerichtssäle, Eishallen, Küche und Wohnzimmer – auf allen Ebenen des Lebens. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ nannte ihn einst eine „Kampfdrohne“, weil er ständig um sie herumkreist. Pechstein sagt: „Ihn kennengelernt zu haben, war das einzig Positive an der Sperre.“
Große, ein Kind der DDR wie Pechstein, hat selbst erfahren, wie es ist, alles zu verlieren. 1986 ging er zum Studium an die Militärpolitische Hochschule in Minsk, war Kraftsport-Meister in der UdSSR. Sein Motto damals: „Sport ist Klassenkampf.“ Die Wende durchkreuzte seine geplante Militärlaufbahn, die 2004 als General hätte gipfeln sollen. Stattdessen jobbte er als Klo-Putzer, Türsteher und Disco-Chef, stieg ins Immobiliengeschäft ein und eröffnete mit Pechstein eine Currywurst-Bude. Seine letzte NVA-Uniform hängt in seinem Büro neben einem großen Pechstein-Porträt und zwei gerahmten Absagen vom VfB Stuttgart und Schalke 04, wo er sich als Athletiktrainer beworben hatte.
Große wird DESG-Präsident und saniert den Verband
Sein Engagement bei Pechstein führte schließlich auch zu einer Karriere im Eisschnelllauf-Verband. Als die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) finanziell ins Schlingern geriet, übernahm Große das Ruder und wurde zum nicht unumstrittenen Präsidenten gewählt. Er verwandelte das dicke Minus von 515.000 Euro im Jahr 2019 in ein Plus von 145.000 Euro im Jahr 2024 – ein beachtlicher Sanierungserfolg.
Dass Pechstein nach ihrem Karriereende dem Verband erhalten bleibt, ist naheliegend. Erst arbeitete sie als Bundesstützpunkt-Trainerin für den Nachwuchs in Inzell, seit dem 1. August ist sie Allround-Bundestrainerin. Kritiker sprechen bei der ersten Anstellung von Vetternwirtschaft. Ein Liebespaar als Präsident und Bundestrainerin – darf es das geben? Es ist letztlich die logische Fortsetzung ihrer Beziehung, privat wie beruflich. Große Namen aus der Sportart nach der Karriere in den Verband zu integrieren, ist nicht ungewöhnlich, die Konstellation im Eisschnelllauf aber schon.
Ein Paar, das zusammen durch dick und dünn geht
Seit 17 Jahren gehen Pechstein und Große nun gemeinsam durch dick und dünn. Sie fühlt sich wohl, unterstützt, geschätzt, vor allem geborgen. „Ich habe in der Wendezeit erfahren, wie es ist, ohne Schuld alles zu verlieren. Daher habe ich mich bei Claudia gemeldet und ihr meine Hilfe angeboten. Einer West-Athletin wäre das nicht passiert, sie hätte mehr Unterstützung bekommen“, erklärt Große seine Motivation. Diese gemeinsamen Erfahrungen verbinden – und ihre Geschichte könnte Stoff für ein neues Buch sein.



