Vom DDR-VEB zum deutschen Marktführer: Die außergewöhnliche Transformation von Rotkäppchen
In der DDR gehörte Rotkäppchen Sekt zu den begehrtesten Produkten – oft nur als sogenannte Bückware erhältlich, für die man gute Beziehungen benötigte. Nach der Wiedervereinigung brach der Absatz dramatisch ein, Mitarbeiter verloren ihre Jobs, und das Unternehmen stand kurz vor dem Aus. Heute, mehr als drei Jahrzehnte später, ist die ehemalige DDR-Marke unangefochtener Marktführer in der deutschen Sektbranche mit einem beeindruckenden Umsatz von 1,2 Milliarden Euro und rund 1.000 Beschäftigten an mehreren Standorten.
Historische Wurzeln und frühe Erfolge
Die Geschichte der Kellerei reicht weit vor die DDR-Zeit zurück. Bereits am 26. September 1856 gründeten die Brüder Moritz und Julius Kloss zusammen mit Carl Foerster im nördlichsten Weinbaugebiet Deutschlands, Saale-Unstrut, eine Weinhandlung unter dem Namen Kloss & Foerster. Schon kurze Zeit später wagten sie den Schritt in die Sektherstellung und füllten ihre ersten 6.000 Flaschen in einer Wohnung im Hinterhaus der Familie Kloss ab.
1887 entstand ein neues Kellereigebäude, das sich fünf Stockwerke unter der Erde erstreckt und eine Fläche von 13.000 Quadratmetern umfasst – dieses Gebäude dient bis heute als Herzstück der Sektkellerei. Seit 1894 trägt die Marke den Namen Rotkäppchen Sekt, der später zu einem Symbol für Qualität und Tradition werden sollte.
Die schwierige Zeit der Enteignung und des Neuanfangs
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine schwierige Phase für das Unternehmen. 1946 übernahm die sowjetische Militärverwaltung die Zwangsverwaltung der Sektkellerei. Trotz eines Freispruchs von den Vorwürfen der Unterschlagung, Bereicherung und Begünstigung der Nationalsozialisten konnte der persönlich haftende Gesellschafter Günther Kloss das Unternehmen nicht zurückerlangen.
Das Unternehmen ging schließlich als VEB Rotkäppchen Sektkellerei Freyburg in Volkseigentum über. In dieser Zeit entwickelte Rotkäppchen 1966 einen innovativen Sekt für Diabetiker und brachte diesen erfolgreich auf den Markt. Parallel dazu hielt Günther Kloss im Westen Deutschlands die Rechte an der Marke und gründete am Rhein eine neue Sektkellerei.
Kreative Innovationen in der DDR-Zeit
Die DDR-Ära brachte einige bemerkenswerte Entwicklungen hervor. 1971 erfand Rüdiger Pietz, der Leiter der Qualitätskontrolle, durch einen Zufall den Mocca-Sekt: Er kühlte seinen zu heißen Kaffee spontan mit einem Schluck Sekt und entwickelte daraus nach Forschungsarbeit die legendäre Mocca Perle.
1978 entstand eine abgewandelte Form des Herrengedecks – das Sekt-Pils, eine Kombination aus Sekt und Pils, die sowohl Restaurants als auch Haushalte begeisterte. In den 1980er Jahren bot das Unternehmen durchschnittlich etwa 38 verschiedene Sektmarken pro Jahr an und erreichte 1987 mit 15,3 Millionen verkauften Flaschen den bisher höchsten Absatz. Kunden zahlten damals zwischen 17 und 23 Mark für eine Flasche – ein echter Luxusartikel in der DDR.
Der dramatische Einbruch nach der Wende
Mit der Wiedervereinigung brach für Rotkäppchen eine äußerst schwierige Zeit an. Die Umsätze brachen massiv ein: Wurden 1987 noch 15,3 Millionen Flaschen verkauft, waren es 1990 nur noch 1,8 Millionen Flaschen. Das Unternehmen reagierte mit drastischen Maßnahmen: Die Belegschaft wurde von 365 auf zunächst 205, später sogar auf nur noch 66 Beschäftigte sowie vier Auszubildende reduziert.
Anke Schertling, die seit 1984 bei Rotkäppchen in Freyburg als Leiterin der Herstellung arbeitet, erinnert sich: „Es war eine schwere Zeit. Wir hatten Kurzarbeit, produzierten nichts, weil wir genug auf Lager hatten. Die Kunden riefen keine Waren ab.“ Mit der Währungsunion übernahmen Handelsketten den Einzelhandel und sortierten alles aus, was noch aus DDR-Zeiten stammte.
Die Rettung durch mutige Mitarbeiter und Investoren
Die Wende kam 1992, als der neue Geschäftsführer Gunter Heise zusammen mit langjährigen Mitarbeitern und dem Marketingtalent Hans-Jürgen Krieger aus Wiesbaden eine mutige Initiative startete: Sie wollten das Unternehmen von der Treuhand kaufen. Obwohl ihnen zunächst das nötige Kapital fehlte – Heise hinterlegte sogar seinen roten Opel Kadett als Sicherheit bei der Sparkasse – fanden sie schließlich in Unternehmer Harald Eckes-Chantré einen Privatinvestor und Mehrheitseigentümer.
Diese Investition ermöglichte nicht nur den Kauf des Unternehmens, sondern markierte den Beginn einer beeindruckenden Erfolgsstory. Der Absatz stieg auf 5,7 Millionen Flaschen, und 1995 erreichte Rotkäppchen Sekt in den neuen Bundesländern bereits die Spitzenposition als meistverkaufter Sekt.
Marketinggeniestreich und Expansion
Ein entscheidender Faktor für den Erfolg war das innovative Marketing. Der legendäre Werbespot aus dem Jahr 2000, in dem die geheimnisvolle „Maria“ im roten Kleid ihren Liebsten am Bahnhof mit einer Flasche Sekt überraschte, prägte sich ganzen Generationen ein und lief ganze 17 Jahre lang im Fernsehen.
Ende 2001 erreichte Rotkäppchen einen historischen Meilenstein: Die Marke wurde zur erfolgreichsten Sektmarke in Deutschland. In den folgenden Jahren expandierte das Unternehmen kontinuierlich: 2006 kamen Rot- und Weißweine ins Sortiment, 2007 folgten traditionsreiche Spirituosenmarken wie CHANTRÉ, Mariacron, Echter Nordhäuser und Eckes Edelkirsch.
Moderne Erlebniswelt und aktuelle Entwicklungen
Vor zwei Jahren eröffnete die Rotkäppchen Erlebniswelt in Freyburg (Unstrut) nach zweijähriger Bauzeit ihre Tore. Das modern gestaltete Ausstellungserlebnis auf 1.400 m² mit 50 Stationen bietet Fans und Genussinteressierten zahlreiche interaktive Erlebnisse in den historischen Kelleranlagen der Sektkellerei.
Das Unternehmen hat sein Sortiment kontinuierlich erweitert: 2014 kam Fruchtsecco hinzu, 2020 folgten drei Glühwein-Varianten, und 2023 ergänzte die Sorte Rot Lieblich die Weinlinie. Heute beschäftigen die Betriebe rund 1.000 Mitarbeiter und erwirtschaften an mehreren Standorten einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.
Eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte
Die Geschichte von Rotkäppchen ist mehr als nur eine Unternehmenschronik – sie steht symbolisch für den Transformationsprozess ostdeutscher Betriebe nach der Wiedervereinigung. Vom begehrten DDR-Produkt über den dramatischen Einbruch nach der Wende bis hin zur erfolgreichen Marktführerschaft zeigt diese Entwicklung, wie Mut, Innovation und Beharrlichkeit selbst unter schwierigsten Bedingungen zum Erfolg führen können.
Was als kleine Weinhandlung in Saale-Unstrut begann, hat sich zu einem der bedeutendsten Unternehmen der deutschen Getränkebranche entwickelt – ein Beweis dafür, dass Tradition und Modernität, ostdeutsche Wurzeln und bundesweiter Erfolg keine Widersprüche sein müssen.



