DDR-Kultgebäck Russisch Brot: Die süße Geschichte hinter den Buchstaben
Russisch Brot: DDR-Kultgebäck mit bewegter Geschichte (16.02.2026)

DDR-Kultgebäck Russisch Brot: Die süße Geschichte hinter den Buchstaben

Für Generationen von Menschen in Ost und West weckt der Name Russisch Brot unmittelbar Kindheitserinnerungen. Ob bei Schulausflügen, Geburtstagsfeiern oder dem traditionellen Nachmittagskaffee bei den Großeltern - diese süßen Buchstaben und Zahlen bedeuten weit mehr als nur eine kleine Leckerei. Sie verkörpern ein Stück lebendige Geschichte, ein kulinarisches Erbe und haben längst Kultstatus erreicht.

Von St. Petersburg nach Dresden: Die Ursprünge

Das Russisch Brot, wie wir es heute kennen, nahm seine charakteristische Form bereits im 19. Jahrhundert an. Der Dresdner Bäcker Ferdinand Friedrich Wilhelm Hanke entdeckte das Rezept für die süßen Buchstaben vermutlich während seiner Lehrjahre in der russischen Metropole St. Petersburg. In Russland selbst bezeichnen die Menschen diese Leckerei als Bukwy (Буквы), was das kyrillische Wort für Buchstaben bedeutet.

Die kleinen süßen Köstlichkeiten faszinierten Hanke derart, dass er sie nach seiner Rückkehr in die sächsische Heimatstadt Dresden als Erster in Deutschland herstellte und populär machte. Um das Jahr 1844 eröffnete er schließlich seine Deutsche & Russische Bäckerei, wo er erstmals das bisher unbekannte Gebäck mit lateinischen Buchstaben auf den Markt brachte.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Die bewegte Firmengeschichte

Die industrielle Produktion von Russisch Brot begann im Jahr 1959, doch die Wurzeln der heutigen Firma reichen noch weiter zurück:

  • 1876: Gründung der Original Wiener Waffel-, Hohlhippen-, Bisquit- etc. Special-Fabrik in Dresden-Plauen
  • 1905: Übernahme durch den Konditor Richard Wiedner
  • Später: Gründung der Dauerbackwarenfabrik BERBÖ durch die Brüder Max und Gerhard Berger
  • 1945: Nahezu vollständige Zerstörung während des Zweiten Weltkriegs
  • 1972: Verstaatlichung und Umbenennung in VEB RUBRO (Abkürzung für Russisch Brot)

Die Rettung in der Wendezeit

In den 1980er Jahren beauftragte der VEB Elite Dauerbackwaren ein Dresdner Ingenieurbüro mit der Entwicklung einer modernen Produktionsanlage für Russisch Brot. Dr. Hartmut Quendt und seine Brigade testeten die neue Anlage erstmals 1988, doch durch die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen der Wendezeit blieb sie ungenutzt und drohte schließlich verschrottet zu werden.

Dr. Hartmut Quendt rettete die Dauerbackanlage vor der Verschrottung, lagerte sie privat ein und wagte 1991 den mutigen Schritt in die Selbstständigkeit. Gemeinsam mit 13 Mitarbeitern gründete er die Dr. Quendt Backwaren GmbH in der historischen Kaitzer Straße und nahm kurz darauf die gerettete Anlage in Betrieb.

Das Geheimnis der fehlenden Buchstaben

Ein besonderes Kapitel der Russisch-Brot-Geschichte beschäftigt sich mit den fehlenden Buchstaben M und W. Diese beiden Buchstaben brechen besonders leicht während des Produktionsprozesses, weil ihre Größe und Form sie anfällig machen. Dr. Quendt hat dafür eine clevere Lösung gefunden: Alle, die einen dieser Buchstaben benötigen, können diese aus spiegelverkehrten Einsen formen.

Wer trotzdem nicht auf die Buchstaben M und W in einem Guss verzichten möchte, kann alternativ das ABC Russisch Brot von Bahlsen wählen. Dieses Unternehmen stellt seit 1904 eine Sorte mit Großbuchstaben her, die beide Buchstaben enthält.

Moderne Variationen eines Klassikers

Die Dr. Quendt GmbH erweitert ihr traditionelles Russisch Brot kontinuierlich um zahlreiche saisonale und thematisch angepasste Varianten:

  1. Winteredition mit feiner Gewürznote
  2. Bio-Variante für gesundheitsbewusste Genießer
  3. Sorte Cassis mit Schwarzer Johannisbeere
  4. Kokos mit gerösteten Kokosraspeln
  5. Erfrischende Zitronenvariante
  6. Valentinstag-Edition mit Himbeerpüree

Die Herstellung: Präzision und Tradition

Die Herstellung von Russisch Brot erfordert eine sorgfältige Kombination der Zutaten sowie ein präzises und durchdachtes Vorgehen während des gesamten Produktionsprozesses. Das Originalrezept kombiniert:

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration
  • Zucker
  • Weizenmehl
  • Karamellzuckersirup
  • Hühnereieiweißpulver
  • Geröstetes Roggenmalzmehl

Der Produktionsprozess beginnt mit dem Aufschlagen von Eiweiß, das zusammen mit Zucker verquirlt wird, um eine luftige Basis zu schaffen. Diese Basis wird behutsam mit den restlichen Zutaten vermengt, bis eine zähflüssige Masse entsteht. Spezielle Maschinen formen diese Masse über Walzen in die charakteristischen Buchstabenformen. In einer 25 Meter langen Backstraße backen die Hersteller das Russisch Brot bei unterschiedlichen Temperaturen, was dem Gebäck die glatte, glänzende Oberfläche und die unverkennbare Konsistenz verleiht.

Vom Familienbetrieb zur Unternehmensgruppe

Nach dem Tod von Herbert Wendler übernahm Dr. Matthias Quendt die Firma, die seit 2018 Teil der Lambertz-Firmengruppe ist. Heute stellt Dr. Quendt neben dem legendären Russisch Brot auch Dresdner Christstollen und Dresdner Dominosteine her. Im aktuellen Jahr begeht die Marke Dr. Quendt ihr 35. Jubiläum, und rund 105 feste Mitarbeiter arbeiten in dem Unternehmen.

Die einst entwickelte und vor der Verschrottung gerettete Anlage ist noch immer in Betrieb und produziert täglich die süßen Buchstaben, die in vielen Supermärkten und Drogeriegeschäften erhältlich sind.

Russisch Brot für Hobbybäcker

Für ambitionierte Hobbybäcker gibt es zahlreiche Rezepte im Internet, um Russisch Brot auch zu Hause herzustellen. Der Teig aus Eiweiß, Zucker, Vanillezucker, Kakao, Mehl und einer Prise Salz wird in einen Spritzbeutel gegeben und anschließend zu Buchstaben und Zahlen auf dem Backblech geformt. Nach einer Ruhezeit von 15 Minuten backt das Gebäck bei 170 Grad für etwa 15 Minuten im vorgeheizten Ofen.

Russisch Brot bleibt damit nicht nur ein Stück DDR-Geschichte, sondern auch ein lebendiges Kulturgut, das Generationen verbindet und mit seiner einzigartigen Geschichte und Herstellung bis heute fasziniert.