Der Dax-Konzern Zalando baut in Deutschland weiter Stellen ab. Das geht aus Unternehmenskreisen und internen Schreiben hervor, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegen. Betroffen ist die Konzernzentrale in Berlin, wo derzeit rund 7700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt sind. Gleichzeitig eröffnet Zalando einen neuen Standort in Bukarest, Rumänien, wohin künftig bestimmte Aufgaben verlagert werden sollen.
Einigung mit Betriebsrat und Freiwilligenprogramm
Auf die Rahmenbedingungen des Stellenabbaus hatten sich Zalando und der Berliner Betriebsrat Ende Mai geeinigt, wie aus den Dokumenten hervorgeht. Betroffenen Mitarbeitern wurden demnach bis zum 30. Juni Abfindungen als Teil eines Freiwilligenprogrammes angeboten. Die Abfindungsangebote seien Unternehmenskreisen zufolge nach dem Prinzip der doppelten Freiwilligkeit erfolgt: Nur wenn Arbeitnehmer und Arbeitgeber dem Aufhebungsvertrag zustimmen, kommt dieser auch zustande.
Der Stellenabbau hatte sich offenbar bereits Mitte März angekündigt. In einem weiteren internen Schreiben an seine Mitarbeitenden, das ebenfalls dem Handelsblatt vorliegt, verkündete Zalando damals: „Wir rechnen mit einem Abbau von etwa 150 bis 200 Stellen.“ Der Schritt ermögliche Wachstum und Investitionen in die Zukunft. Wie ein Insider berichtet, überstieg die Zahl der Bewerbungen für das Freiwilligenprogramm den ursprünglich geplanten Abbau von 150 bis 200 Stellen deutlich. Zalando habe daraufhin einen Teil der Bewerbungen abgelehnt.
Gründe: KI, Wettbewerb und wirtschaftliche Lage
Zalando spricht von „agileren Strukturen“. Auf Anfrage bestätigt das Unternehmen die „Festlegung von einvernehmlichen Aufhebungsverträgen“. Es teilte mit, „seit einiger Zeit“ daran zu arbeiten, „durch agilere und zielgerichtete Strukturen schneller auf Marktveränderungen reagieren zu können“. Wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter genau die Zentrale in Berlin nun verlassen, dazu wollte sich Zalando auf Anfrage nicht äußern. Als Gründe für den Stellenabbau nannte das Unternehmen in den Unterlagen von März Veränderungen durch Künstliche Intelligenz, steigende Kundenerwartungen, den schärferen Wettbewerb und die schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Eigenen Angaben zufolge beschäftigt Zalando weltweit 15.000 Menschen. In der Konzernzentrale in Berlin arbeiteten derzeit 7700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Konzern hatte zuletzt die „Office first“-Regel eingeführt. Ab 2027 sollen drei verpflichtende Präsenztage gelten, wie Anfang Juli das Branchenmedium „Textilwirtschaft“ berichtete.
Neuer Standort in Bukarest geplant
Anfang Juni kündigte Zalando zudem intern die Eröffnung eines neuen Standorts an. „Ende des Jahres werden wir in Bukarest, Rumänien, einen neuen Zalando-Standort eröffnen“, teilte das Unternehmen seinen Mitarbeitern mit. Die Zweigstelle soll als Multifunktionsstandort verschiedene Aufgaben bündeln. Zum einen baut das Unternehmen ein neues Team in Bukarest auf, das Aufgaben übernehmen soll, die bisher externe Dienstleister erledigten. Aktuellen Stellenausschreibungen zufolge sucht Zalando dabei Mitarbeiter für die Bereiche Personalwesen, Controlling und Abrechnung im B2B-Bereich.
Zum anderen plant Zalando mit dem neuen Standort, bestehende Berliner Stellen nach Bukarest zu verlagern. „Im Laufe der Zeit planen wir, ausgewählte Prozesse, operative Tätigkeiten und Dienstleistungen des Personalwesens und des Finanzbereichs dorthin zu verlagern“, heißt es in einem dem Handelsblatt vorliegenden Dokument. Laut der internen Kommunikation soll die Umschichtung 2027 beginnen und auch 2028 andauern. Auf Anfrage bestätigt Zalando die Pläne: „Wir gehen davon aus, dass wir bis zum Ende des ersten Quartals 2027 am Standort Bukarest zunächst rund 60 Arbeitsplätze schaffen. Längerfristig planen wir, bestimmte Positionen und Prozesse nach Bukarest zu verlagern und dort weitere Arbeitsplätze zu schaffen.“ Trotzdem bekenne sich Zalando zu Berlin als Hauptsitz und strategischem Zentrum.
Niedrigere Arbeitskosten in Rumänien als Hintergrund
Hintergrund könnten auch die vergleichsweise niedrigen Arbeitskosten in Rumänien sein. Laut Eurostat lagen die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde in Rumänien 2024 bei knapp 13 Euro. In Deutschland sind es rund 40 Euro. Andere Digitalkonzerne wie Amazon, aber auch deutsche Unternehmen wie Continental oder Bosch betreiben Standorte in Rumänien.
Weitere Stellenstreichungen in Erfurt und bei „Lounge Content Solutions“
Die weiteren Stellenstreichungen folgen auf bereits laufende Abbauprogramme. So hatte Zalando Anfang des Jahres die Schließung seines ältesten Logistikzentrums in Erfurt verkündet. Im Juni einigte sich der Modehändler mit Arbeitnehmervertretern auf einen Sozialplan. Mehr als 2100 Beschäftigte verlieren dort Ende September ihre Arbeit. Die Verhandlungen hatten sich über einen längeren Zeitraum hingezogen. Das Arbeitsgericht Erfurt war eingeschaltet worden, schließlich hatte eine vom Gericht eingesetzte Einigungsstelle die Arbeit aufgenommen.
Zalando hatte die Standortschließung mit einer Neuausrichtung des konzerneigenen europaweiten Logistiknetzes nach der Übernahme des Händlers About You begründet. Ein neuer Logistikstandort war in Gießen entstanden. Zudem hatte Zalando im Januar einen Stellenabbau im Bereich „Lounge Content Solutions“ angekündigt. 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen bis Jahresende ihre Arbeit verlieren.
Mehr: Bafin untersucht Konzernabschluss von Zalando – Aktie verliert deutlich. Veröffentlicht nach den redaktionellen Standards des Handelsblatts.



