Eine gezielte Atemtechnik kann das Gehirn risikobereiter machen und dabei helfen, Ängste zu überwinden – etwa bei Gehaltsverhandlungen oder Dates. Das legt eine aktuelle Studie nahe, die sich mit der Aktivität bestimmter Hirnregionen befasst. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass bewusstes Atmen nicht nur beruhigt, sondern auch die Bereitschaft erhöht, Risiken einzugehen.
Die Verbindung zwischen Atmung und Gehirn
Die Atmung ist ein autonomer Prozess, der jedoch bewusst gesteuert werden kann. Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass die Art und Weise, wie wir atmen, direkten Einfluss auf die Aktivität in Gehirnregionen hat, die mit Angst und Risikobewertung verbunden sind. Eine langsame, tiefe Atmung aktiviert den Parasympathikus, was zu einer Reduktion von Stresshormonen führt. Gleichzeitig wird die Aktivität in der Amygdala, dem Angstzentrum des Gehirns, heruntergefahren.
Die Studie im Detail
In der Studie, die von Forschern der Universität Stanford durchgeführt wurde, nahmen 100 Probanden teil. Sie wurden in zwei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe praktizierte über einen Zeitraum von vier Wochen täglich 15 Minuten eine spezielle Atemtechnik, während die andere Gruppe als Kontrollgruppe diente. Anschließend wurden beide Gruppen mit einer Aufgabe konfrontiert, bei der sie zwischen einer sicheren und einer riskanten Entscheidung wählen mussten.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Gruppe, die die Atemtechnik anwendete, zeigte eine signifikant höhere Risikobereitschaft als die Kontrollgruppe. Konkret entschieden sich 72 Prozent der Atemgruppe für die riskante Option, während es in der Kontrollgruppe nur 48 Prozent waren. Diese Differenz war statistisch hochsignifikant.
Hirnaktivität und Risikobereitschaft
Mithilfe von funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) konnten die Forscher beobachten, dass bei den Probanden mit Atemtechnik die Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex zunahm, einer Region, die für die Bewertung von Risiken und Belohnungen zuständig ist. Gleichzeitig verringerte sich die Aktivität in der Amygdala, was auf eine reduzierte Angstreaktion hindeutet.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Atemtechniken nicht nur zur Entspannung beitragen, sondern auch die kognitive Bewertung von Risikosituationen verändern können“, erklärt Dr. Julia Meier, die leitende Autorin der Studie. „Das könnte praktische Anwendungen in der Psychotherapie, aber auch im Alltag haben, etwa bei Verhandlungen oder öffentlichen Auftritten.“
Praktische Anwendung im Alltag
Die Erkenntnisse lassen sich direkt umsetzen: Wer sich vor einer schwierigen Situation fürchtet, kann durch bewusstes Atmen seine Risikobereitschaft steigern. Eine einfache Technik ist die 4-6-8-Atmung: Viermal tief einatmen, sechsmal halten und achtmal ausatmen. Diese Methode kann innerhalb weniger Minuten angewendet werden und ist auch in stressigen Momenten diskret durchführbar.
Experten empfehlen, die Atemtechnik regelmäßig zu üben, um langfristige Effekte zu erzielen. „Es ist wie beim Muskelaufbau: Je öfter man trainiert, desto stärker wird die Verbindung zwischen Atmung und Gehirn“, so Dr. Meier weiter. Sie rät, die Technik in den Alltag zu integrieren, etwa vor wichtigen Terminen oder in der Mittagspause.
Grenzen und Ausblick
Die Studie hat jedoch auch Grenzen: Sie wurde unter Laborbedingungen durchgeführt, und die Langzeitwirkungen sind noch unklar. Zudem ist unklar, ob die Ergebnisse auf alle Menschen gleichermaßen übertragbar sind. Weitere Forschung ist nötig, um die genauen Mechanismen zu verstehen und die Methode für verschiedene Anwendungsbereiche zu optimieren.
Trotzdem sind die Ergebnisse vielversprechend. Sie eröffnen neue Wege, um Angstzustände zu bewältigen und mutiger durchs Leben zu gehen – sei es beim Gehaltsgespräch, beim ersten Date oder bei anderen Herausforderungen, die Überwindung erfordern.



