Das Berliner Pilotprojekt zur Drogenanalyse, bekannt als Drugchecking, hat alarmierende Ergebnisse zutage gefördert. Wie der Senat am Donnerstag mitteilte, war fast jede zweite Kokainprobe, die im Rahmen des Projekts untersucht wurde, verunreinigt oder überdosiert. Konkret wiesen 48 Prozent der Proben gefährliche Beimischungen oder eine zu hohe Wirkstoffkonzentration auf. Besonders besorgniserregend ist der Fund des Entwurmungsmittels Levamisol, das in zahlreichen Kokainproben nachgewiesen wurde. Levamisol kann beim Menschen schwere Immunreaktionen und Blutbildveränderungen auslösen.
Ergebnisse des Pilotprojekts
Das Drugchecking-Projekt startete im vergangenen Jahr als Modellversuch in Berlin. Konsumenten können dort ihre Drogen anonym abgeben und auf Reinheit, Dosierung und gefährliche Streckmittel testen lassen. Die Ergebnisse werden in einer Datenbank erfasst und dienen der Gesundheitsvorsorge. Neben Kokain wurden auch andere Substanzen wie Heroin und Ecstasy untersucht. Bei Heroin stellten die Tester eine hohe Variabilität der Wirkstoffkonzentration fest, was das Risiko einer versehentlichen Überdosierung erhöht. „Heroinproben schwankten zwischen 5 und 70 Prozent Reinheit“, erklärte eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Gesundheit. „Das ist eine extreme Spannbreite, die für Konsumenten lebensgefährlich sein kann.“
Senat plant Ausweitung des Angebots
Angesichts der Ergebnisse kündigte der Berliner Senat an, das Drugchecking-Angebot auszuweiten. Bislang stehen den Konsumenten zwei feste Standorte in Berlin-Mitte und Neukölln zur Verfügung, die jeweils an zwei Tagen pro Woche geöffnet sind. Geplant ist, die Öffnungszeiten zu verlängern und weitere Standorte in anderen Bezirken einzurichten. „Die Analyseergebnisse zeigen, wie wichtig niedrigschwellige Angebote für Drogenkonsumenten sind“, betonte Gesundheitssenatorin Dr. Ina Czyborra (SPD). „Unser Ziel ist es, akute Gesundheitsgefahren zu minimieren und Leben zu retten.“ Das Projekt wird von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit sowie der Deutschen Aidshilfe getragen.
Gesundheitsrisiken durch Verunreinigungen
Die gefundenen Verunreinigungen stellen erhebliche Gesundheitsrisiken dar. Levamisol, das in Kokainproben entdeckt wurde, wird eigentlich als Wurmmittel in der Tiermedizin eingesetzt. Beim Menschen kann es zu einer schweren Schädigung der weißen Blutkörperchen (Agranulozytose) führen, was die Infektionsabwehr massiv schwächt. Zudem wurden in einigen Proben synthetische Opioide wie Fentanyl nachgewiesen, die bereits in geringsten Mengen tödlich wirken können. „Diese Substanzen werden oft ohne Wissen der Konsumenten beigemischt, um die Wirkung zu verstärken oder Kosten zu sparen“, warnte Dr. Michael Schäfer, Suchtmediziner an der Charité Berlin. „Das macht den Konsum unberechenbar und extrem gefährlich.“
Reaktionen aus der Politik
Die Ergebnisse des Drugcheckings stoßen in der Berliner Politik auf geteilte Reaktionen. Während die rot-rot-grüne Koalition die Ausweitung des Projekts befürwortet, lehnen CDU und AfD das Angebot weiterhin ab. „Drugchecking verharmlost den Drogenkonsum und sendet das falsche Signal“, kritisierte der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Timo Riedel. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD), hingegen lobte das Berliner Modell: „Drugchecking ist ein wichtiger Baustein der Schadensminderung. Es hilft, konkrete Gefahren zu erkennen und Konsumenten zu erreichen, die sonst keine Beratung aufsuchen.“
Ausblick und weitere Schritte
Der Senat plant, das Drugchecking-Projekt um eine mobile Teststation zu erweitern, die auf Musikfestivals und anderen Veranstaltungen eingesetzt werden soll. Zudem wird eine Online-Plattform vorbereitet, auf der aktuelle Warnhinweise zu verunreinigten Chargen abrufbar sind. „Wir wollen die Transparenz erhöhen und Konsumenten in Echtzeit warnen können“, so Senatorin Czyborra. Das Projekt ist zunächst auf zwei Jahre befristet, eine Verlängerung wird jedoch als wahrscheinlich angesehen. Die gesammelten Daten sollen zudem in die bundesweite Drogenpolitik einfließen. Bereits jetzt zeigen die Zahlen aus Berlin, dass Drugchecking einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge leisten kann – auch wenn die politischen Debatten darüber anhalten.



