Die Städte Dortmund und Köln bringen eine kontroverse Idee ins Spiel: Um die steigende Zahl von Crack-Konsumenten in den Griff zu bekommen, sollen Süchtige künftig kleine Mengen der Droge legal in Konsumräumen erhalten können. Das berichtet der Spiegel unter Berufung auf Stadtratskreise. Vorbild ist das sogenannte Züricher Modell, bei dem Abhängige unter ärztlicher Aufsicht Heroin erhalten. Nun soll Ähnliches für Crack geprüft werden.
Hintergrund: Crack-Konsum in Deutschland nimmt zu
Die Zahl der Crack-Konsumenten in Deutschland steigt seit Jahren. Laut dem aktuellen Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung konsumierten 2023 schätzungsweise 150.000 Menschen regelmäßig Crack – ein Anstieg um 20 Prozent im Vergleich zu 2018. Besonders betroffen sind Großstädte wie Dortmund, Köln, Frankfurt und Berlin. Crack ist eine rauchbare Form von Kokain, die schnell abhängig macht und zu schweren gesundheitlichen Schäden führt.
Die Städte Dortmund und Köln argumentieren, dass die bisherige Drogenpolitik gescheitert sei. „Wir müssen neue Wege gehen, um die Situation zu verbessern“, zitiert der Spiegel einen Sprecher der Stadt Dortmund. „Das Züricher Modell zeigt, dass kontrollierte Abgabe die Kriminalität senkt und die Gesundheit der Süchtigen schützt.“ In Zürich erhalten seit 1994 schwer abhängige Heroinuser das Rauschgift in speziellen Zentren – mit Erfolg: Die Zahl der Drogentoten sank drastisch.
Vorschlag: Kleine Mengen Crack in Konsumräumen
Konkret schlagen die beiden Städte vor, in bestehenden Drogenkonsumräumen – die bisher nur den Konsum erlauben, nicht aber die Weitergabe von Drogen – auch die Abgabe kleiner Mengen Crack zu erlauben. „Es geht nicht um eine generelle Legalisierung, sondern um eine pragmatische Lösung für Schwerstabhängige“, betont ein Kölner Stadtrat. Die Drogen sollen unter strengen Auflagen abgegeben werden, etwa nach ärztlicher Untersuchung und mit täglicher Höchstmenge.
Der Vorschlag stößt jedoch auf Widerstand. Die Bundesregierung lehnt eine Legalisierung von Crack bislang ab. „Crack ist eine gefährliche Droge, die wir nicht verharmlosen dürfen“, erklärte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert (SPD). Er verwies auf die gesundheitlichen Risiken und die Suchtgefahr. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt vor negativen Folgen: „Das wäre ein fatales Signal an Jugendliche und würde den illegalen Handel nicht eindämmen“, so ein GdP-Sprecher.
Erfahrungen aus Zürich: Vorbild oder Sonderfall?
Befürworter des Modells verweisen auf die Erfolge in Zürich. Dort ging die Zahl der Drogentoten von über 200 im Jahr 1990 auf unter 20 im Jahr 2020 zurück. Auch die Beschaffungskriminalität sank deutlich. „Das Züricher Modell hat gezeigt, dass kontrollierte Abgabe funktioniert“, sagt der Suchtexperte Prof. Dr. Heino Stöver von der Frankfurt University of Applied Sciences. „Es entlastet das Gesundheitsystem und verbessert die Lebensqualität der Süchtigen.“
Kritiker hingegen bezweifeln, dass sich das Modell auf Crack übertragen lässt. Crack sei noch einmal deutlich suchterzeugender als Heroin, warnt der Suchtmediziner Dr. Michael Soyka. „Die Gefahr von Überdosierung und psychischen Schäden ist enorm.“ Zudem sei die legale Abgabe von Crack rechtlich schwierig, da es in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fällt.
Nächste Schritte: Pilotprojekt geplant
Dortmund und Köln wollen nun ein Pilotprojekt auf den Weg bringen. Dafür benötigen sie jedoch eine Ausnahmegenehmigung des Bundesgesundheitsministeriums. „Wir werden das Gespräch mit dem Ministerium suchen“, kündigt der Dortmunder Sprecher an. Parallel dazu sollen die gesundheitlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen geprüft werden. Ein Start des Projekts ist frühestens 2027 denkbar.
Die Debatte um die Drogenweitergabe in Konsumräumen ist nicht neu. Bereits 2023 hatten mehrere Städte eine Reform gefordert, scheiterten jedoch am Widerstand der Bundesregierung. Nun hoffen die Befürworter auf einen erneuten Anlauf – nicht zuletzt wegen der steigenden Zahlen. „Wir können nicht länger wegsehen“, so der Kölner Stadtrat. „Es geht um Menschenleben.“



