Darmkrebs bei jungen Erwachsenen: Anstieg der Fälle in Deutschland
Darmkrebs bei jungen Erwachsenen: Anstieg der Fälle

Immer mehr junge Menschen in Deutschland erhalten die Diagnose Darmkrebs. Das zeigen neue Daten, die ein Forschungsteam im „International Journal of Cancer“ veröffentlicht hat. Demnach ist vor allem die Gruppe der 20- bis 39-Jährigen betroffen, wobei ein Großteil des Anstiegs auf Formen mit vergleichsweise guter Prognose wie kleine oder weniger aggressive Tumoren entfällt.

Anstieg bei jungen Erwachsenen: Zahlen und Fakten

Die Wissenschaftler um Sven Voigtländer vom Bayerischen Krebsregister in Nürnberg und Hiltraud Kajüter vom Krebsregister Nordrhein-Westfalen in Bochum werteten Krebsregisterdaten aus neun Bundesländern sowie dem Landkreis Münster aus – zusammen 46 Prozent der deutschen Bevölkerung – über den Zeitraum von 2003 bis 2023. In der Altersgruppe von 20 bis 49 Jahren wurden kolorektale Karzinome bei 27.568 Menschen erfasst. Trotz des Anstiegs bleibt die Häufigkeit im Vergleich zu älteren Altersgruppen gering: Von durchschnittlich 56.200 neuen Darmkrebs-Fällen pro Jahr in Deutschland zwischen 2021 und 2023 waren nur 3000 (5,4 Prozent) früh auftretende Fälle (Early-Onset Colorectal Cancer, EO-CRC).

Experten lehnen Screening-Senkung ab

Eine mögliche Senkung des Alters für das Darmkrebs-Screening – aktuell ab 50 Jahren – sehen die Experten als nicht gerechtfertigt. Thomas Seufferlein vom Universitätsklinikum Ulm, der selbst nicht an der Auswertung beteiligt war, schließt sich der Einschätzung an: „Allerdings muss man die Daten im Blick behalten, um Screeningprogramme rechtzeitig anzupassen.“ Auch Christian Pox vom St. Joseph-Stift Bremen hält eine Änderung derzeit für unnötig und warnt vor einer verringerten Effektivität des Programms bei gleichzeitig höheren Kosten. „Ein viel größerer Effekt könnte erreicht werden, wenn die Teilnahmerate an der gesetzlichen Krebsfrüherkennung bei den Berechtigten von 50 Jahren und älter gesteigert werden würde.“

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Ursachen für den Anstieg bleiben unklar

Die genauen Ursachen für den Anstieg können die neuen Daten nicht erklären. Vermutlich gebe es einen Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen ab den Fünfzigerjahren, erläutert das Team. „Dazu zählen Adipositas im Kindes- und Jugendalter, Antibiotikaeinnahme, Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Reproduktionstechnologien, die potenziell zu frühkindlichen physiologischen oder metabolischen Veränderungen führen und das Darmmikrobiom beeinflussen.“ Allgemein hängen Darmerkrankungen mit Faktoren wie Bewegungsmangel und ungesunder Ernährung zusammen. Adipositas stelle einen Zustand chronischer Entzündung dar und gelte als wahrscheinlichste Ursache für den Anstieg der Fälle von frühem kolorektalem Karzinom.

Mortalität in Deutschland stabil

Die Sterblichkeit bei frühem kolorektalem Karzinom sei in den USA zwischen 2004 und 2020 durchschnittlich um 1,2 Prozent pro Jahr gestiegen, heißt es im „International Journal of Cancer“. Diese Entwicklung sei in Deutschland nicht erkennbar, die Mortalität sei nahezu stabil geblieben. Die Wissenschaftler sehen eine mögliche Ursache in einer verbesserten Früherkennung. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes sank die Zahl der Todesfälle in Deutschland innerhalb von 20 Jahren um 17 Prozent: Starben im Jahr 2003 noch 28.900 Menschen an Darmkrebs, waren es im Jahr 2023 noch 24.100.

Präventionsstrategien nicht ausgeschöpft

Eine Senkung des Einstiegsalters für das Darmkrebs-Screening auf 45 Jahre werde durch die Studie nicht gestützt, meinen die Autoren. Die praktikablen, kosteneffektiven Präventionsstrategien seien hierzulande längst nicht ausgeschöpft. In einem aktuellen Vergleich der Präventionspolitik von 18 europäischen Ländern belege Deutschland Platz 17. Zum Vergleich: „In den USA werden mittlerweile 14 Prozent aller Personen mit Darmkrebs in einem Alter unter 50 Jahren diagnostiziert“, erklärte Seufferlein. Der Beginn des Darmkrebs-Screenings sei in den USA deshalb auf das 45. Lebensjahr herabgesetzt worden. Die Häufigkeit von Darmkrebs über alle Altersgruppen hinweg sinkt in vielen Ländern wie den USA, Kanada und Deutschland seit mehreren Jahrzehnten, was Experten unter anderem auf die Einführung von Screening-Programmen und Fortschritte in der Therapie zurückführen.

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