Krankschreibung ab Tag 1: Blaumacher sollen zur Kasse gebeten werden
Krankschreibung ab Tag 1: Blaumacher zahlen lassen

Die Diskussion um die Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag gewinnt an Fahrt. Arbeitgeberverbände und Ökonomen fordern die Abschaffung der aktuellen Regelung, wonach Arbeitnehmer erst ab dem vierten Tag eine ärztliche Bescheinigung vorlegen müssen. Ihrer Ansicht nach nutzen viele Beschäftigte diese Regelung aus, um sich unberechtigt krankzumelden – sogenannte Blaumacher. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt, dass jährlich rund 1,5 Milliarden Euro durch ungerechtfertigte Krankschreibungen verloren gehen.

Hintergrund der Debatte

Seit 2021 gilt in Deutschland die Regelung, dass Arbeitnehmer bei einer Krankmeldung erst ab dem vierten Tag ein ärztliches Attest vorlegen müssen. Diese Lockerung war als Bürokratieabbau gedacht, insbesondere während der Corona-Pandemie. Doch die Praxis zeigt: Der Krankenstand ist gestiegen. Laut DAK-Gesundheitsreport 2024 fehlten Beschäftigte im Schnitt 20 Tage pro Jahr – ein Rekordhoch. Arbeitgeber sehen darin einen Missbrauch: „Viele Arbeitnehmer nutzen die Karenztage für unbegründete Auszeiten“, sagt Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger. „Das kostet die Unternehmen Milliarden und belastet die Solidargemeinschaft.“

Forderung nach Wiedereinführung

Die Arbeitgeber fordern daher die Rückkehr zur Krankschreibung ab Tag 1. „Nur so können wir Blaumacher auf Linie bringen“, betont Dulger. Auch der Wirtschaftsweise Veronika Grimm unterstützt die Forderung: „Eine ärztliche Bescheinigung ab dem ersten Tag würde die Anreize für unberechtigte Fehlzeiten senken.“ Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) hat ein entsprechendes Positionspapier vorgelegt. Darin heißt es: „Die Regelung ab Tag 4 ist ein Einfallstor für Missbrauch und muss abgeschafft werden.“

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Kritik von Gewerkschaften und Ärzten

Die Gewerkschaften lehnen die Forderung strikt ab. „Das Misstrauen gegenüber den Arbeitnehmern ist unangebracht“, sagt Verdi-Chef Frank Werneke. „Die meisten Menschen melden sich nur dann krank, wenn sie wirklich krank sind.“ Auch der Deutsche Ärztetag warnt vor einer Überlastung der Praxen: „Bei einer Krankschreibung ab Tag 1 würden die Arztbesuche massiv zunehmen, ohne dass dies medizinisch sinnvoll ist“, erklärt Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer. Er verweist auf Studien, die zeigen, dass die meisten Krankschreibungen kurz und medizinisch begründet sind.

Ökonomische Auswirkungen

Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich. Laut IW-Studie verursachen Blaumacher jährlich Produktionsausfälle in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Hinzu kommen die Kosten für die Entgeltfortzahlung, die Arbeitgeber in den ersten sechs Wochen tragen. Die BDA schätzt, dass die Wiedereinführung der Attestpflicht ab Tag 1 die Fehlzeiten um bis zu 20 Prozent senken könnte. „Das würde die Unternehmen um rund 5 Milliarden Euro entlasten“, rechnet Dulger vor.

Politische Umsetzung

Die Ampel-Koalition ist in dieser Frage gespalten. Die FDP zeigt sich offen für eine Debatte: „Wir müssen den Missbrauch bekämpfen, ohne die Arbeitnehmer zu gängeln“, sagt FDP-Gesundheitsexperte Andrew Ullmann. Die SPD lehnt die Forderung ab: „Eine Rückkehr zur Attestpflicht ab Tag 1 wäre ein Rückschritt“, erklärt SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt. Die Grünen plädieren für eine Evaluierung der aktuellen Regelung. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat eine Überprüfung angekündigt: „Wir werden die Daten genau analysieren und dann entscheiden.“

Internationale Vergleiche

In vielen Ländern ist die Krankschreibung ab Tag 1 Standard. In den USA müssen Arbeitnehmer bereits am ersten Tag ein Attest vorlegen, in Frankreich ab dem dritten Tag. Deutschland ist mit der Vier-Tage-Regelung eine Ausnahme. „Internationale Erfahrungen zeigen, dass eine frühe Attestpflicht die Fehlzeiten nicht zwingend senkt“, gibt der Gesundheitsökonom Prof. Dr. Jürgen Wasem zu bedenken. „Entscheidend ist vielmehr die Unternehmenskultur und das Vertrauensverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.“

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Ausblick

Die Debatte wird die kommenden Monate bestimmen. Die Arbeitgeber hoffen auf eine schnelle politische Entscheidung. „Die Wirtschaft kann es sich nicht leisten, dass Blaumacher systematisch die Kassen der Unternehmen plündern“, sagt Dulger. Die Gewerkschaften kündigen Widerstand an: „Wir werden uns gegen jede Verschlechterung der Arbeitsbedingungen wehren“, so Werneke. Ob die Bundesregierung die Krankschreibung ab Tag 1 wieder einführt, bleibt abzuwarten.