Estland kämpft mit einer neuen Welle synthetischer Drogen. Nachdem das Land jahrelang erfolgreich gegen Fentanyl vorgegangen war, breitet sich nun die Designerdroge Nitazen aus. Die Zahl der Drogentoten hat sich innerhalb kurzer Zeit fast vervierfacht. Experten bezeichnen Nitazen als bis zu 500-mal stärker als Heroin. Der baltische Staat gilt als Frühwarnsystem für die EU – die Frage ist, ob der Stoff nun auch Deutschland erreicht.
Vom Vorreiter zum Krisenherd
Estland hielt zwischen 2007 und 2017 einen traurigen Rekord: Nirgendwo in Europa starben mehr Menschen an Drogen. Im Schnitt starb damals alle drei Tage ein Mensch an einer Überdosis. Doch dann gelang dem Land ein bemerkenswerter Erfolg: Durch gezielte Maßnahmen wurde die Fentanyl-Krise eingedämmt. Die Todeszahlen sanken drastisch. Doch dieser Erfolg schuf offenbar eine Lücke, die nun von einer neuen Substanz gefüllt wird.
Der ehemalige Abhängige Jaan Väärt beschrieb seine Erfahrungen gegenüber der Onlinezeitung „Euronews“ im Jahr 2020: „Ich habe mir vier Mal pro Monat eine Überdosis verpasst. Viele Menschen kamen ums Leben.“ Er selbst war zu diesem Zeitpunkt bereits clean. Doch die neue Droge Nitazen sei noch gefährlicher.
Nitazen: Die neue Gefahr aus dem Labor
Nitazen gehört zur Gruppe der sogenannten Designer-Drogen. Es handelt sich um ein synthetisches Opioid, das chemisch so verändert wird, dass es bestehende Gesetze umgeht. Die Wirkung ist extrem potent: Schon geringste Mengen können tödlich sein. Laut estnischen Behörden ist die Substanz bis zu 500-mal stärker als Heroin. Die Zahl der Drogentoten in Estland hat sich innerhalb eines Jahres fast vervierfacht – von 27 im Jahr 2022 auf 102 im Jahr 2023.
Die estnische Polizei schlägt Alarm. „Wir sehen eine völlig neue Dimension der Drogenkrise“, sagte ein Sprecher des estnischen Innenministeriums. „Die Substanz ist so stark, dass selbst erfahrene Konsumenten die Dosierung nicht einschätzen können.“ Viele Todesfälle ereignen sich, weil die Droge in Pulverform verkauft wird und die Konsumenten versehentlich eine zu hohe Dosis nehmen.
EU-Frühwarnsystem: Deutschland bereits betroffen?
Estland gilt in der Europäischen Union als Frühwarnsystem für neue Drogen. Aufgrund seiner geografischen Lage und der offenen Grenzen innerhalb des Schengen-Raums verbreiten sich neue Substanzen schnell in andere Länder. Erste Fälle von Nitazen wurden bereits in Deutschland gemeldet. Die Deutsche Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (DBDD) bestätigte, dass die Substanz in einigen Bundesländern nachgewiesen wurde.
„Wir beobachten die Entwicklung mit großer Sorge“, sagte ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums. „Nitazen ist eine der gefährlichsten Designerdrogen, die wir je gesehen haben. Die Gefahr für Deutschland ist real.“ Bislang gibt es noch keine offiziellen Todesfälle in Deutschland, aber die Behörden rechnen mit einem Anstieg.
Maßnahmen und Ausblick
Die estnische Regierung hat reagiert: Sie hat Nitazen auf die Liste der verbotenen Substanzen gesetzt und die Strafen für den Handel verschärft. Zudem werden Teststreifen für Konsumenten bereitgestellt, um die Reinheit der Droge zu prüfen. Doch die Maßnahmen greifen nur langsam. „Wir brauchen eine europäische Lösung“, forderte der estnische Gesundheitsminister. „Drogen machen nicht an Grenzen halt.“
In Deutschland fordern Suchtexperten eine verstärkte Aufklärung und ein schnelles Verbot der Substanz. „Wir müssen verhindern, dass sich die Krise aus Estland auf Deutschland ausweitet“, warnte ein Sprecher der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. Die Zeit drängt: Die Zahl der Drogentoten in Deutschland ist in den letzten Jahren bereits gestiegen, und eine neue Welle könnte die Lage weiter verschärfen.



