Ein aktueller Test des Bremer Umweltinstituts im Auftrag der Deutschen Umwelthilfe (DUH) hat ergeben, dass Kleidungsstücke des Online-Händlers Shein teils massiv mit Chemikalien belastet sind. Von 18 getesteten Produkten überschritten sieben die EU-Grenzwerte. Die Ergebnisse liegen der Deutschen Presse-Agentur vor.
Extreme Überschreitungen bei PFAS und Weichmachern
In einer Kinderjacke wurde ein PFAS-Grenzwert um mehr als das 1.100-Fache überschritten, bei einer für Teenager angebotenen Jacke sogar um das 12.000-Fache. PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) werden eingesetzt, um Kleidung wasser-, fett- und schmutzabweisend zu machen. Sie reichern sich als „Ewigkeitschemikalien“ in der Umwelt an und können laut Umweltbundesamt Stoffwechsel, Hormonhaushalt und Immunsystem beeinträchtigen; einige stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.
In Damen-Schnürstiefeln fand das Labor 179.000 Milligramm pro Kilogramm des Weichmachers DEHP – das 179-Fache des erlaubten Wertes von unter 1.000 Milligramm. Phthalate wie DEHP haben hormonähnliche Eigenschaften und können die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen.
Shein reagiert auf Vorwürfe
Auf dpa-Anfrage erklärte Shein: „Wir nehmen die von der DUH vorgebrachten Vorwürfe sehr ernst. Bis die Untersuchung abgeschlossen ist, nehmen wir die betroffenen Produkte weltweit aus dem Angebot.“ Gleichzeitig werde eine „gesamte Seite umspannende Prüfung vergleichbarer Produkte“ durchgeführt. Shein betonte, Händler und Lieferanten seien verpflichtet, interne sowie geltende Produktsicherheitsstandards einzuhalten. Man arbeite mit Prüfinstituten wie dem TÜV Süd zusammen.
Ulrike Siemers, Co-Geschäftsführerin des Umweltinstituts, sagte: „Wir haben in den Produkten eine Vielzahl von verschiedenen Chemikalien gefunden, von Schwermetallen über Weichmacher bis zu PFAS. Das ist ein bunter Cocktail an Chemikalien, auch solche, die nicht unbedingt reglementiert sind, aber gesundheitsgefährdendes Potenzial haben.“
DUH mahnt ab und leitet Ergebnisse an EU-Kommission weiter
Die Deutsche Umwelthilfe hat Shein eine Abmahnung geschickt. Textilexpertin Viola Wohlgemuth erklärte: „Wir fordern eine Unterlassungserklärung – diese gefährlichen Chemikalien und Produkte müssen vom Markt, und zwar weltweit.“ Zudem werden die Testergebnisse der EU-Kommission übergeben. Hintergrund ist ein Verfahren, das die EU-Kommission im Februar gegen Shein wegen des Verdachts auf unzureichenden Verbraucherschutz und Vertrieb illegaler Produkte eingeleitet hatte. Grundlage ist das Gesetz über digitale Dienste (DSA). Das Verfahren kann sich über Jahre ziehen; vorläufige Ergebnisse stehen noch aus.
Billigplattformen immer wieder negativ aufgefallen
Nicht nur Shein, sondern auch andere Billigplattformen wie Temu stehen in der Kritik. Die EU-Kommission verhängte gegen Temu eine Strafe von 200 Millionen Euro – unter anderem wegen Sicherheitsbedenken bei Ladegeräten und zu hoher Chemikalien in Kinderspielzeug. Temu kritisierte die Strafe als unproportional und verwies auf veraltete Risikobewertungen.
Bereits in der Vergangenheit haben Tests von Stiftung Warentest, Oekotest und der Arbeiterkammer Oberösterreich bei Shein- und Temu-Produkten bedenkliche Chemikalien und mangelnde EU-Standards festgestellt. So fanden die südkoreanischen Behörden in Seoul ähnliche Substanzen. Shein äußerte sich zu diesen Tests nicht.
Verbraucherschützer raten zur Vorsicht
Die Verbraucherzentrale Niedersachsen rät bei Einkäufen auf Online-Marktplätzen mit überwiegend chinesischen Händlern zu besonderer Vorsicht. Bei sicherheitsrelevanten Waren wie Spielzeug, Elektrogeräten und Kosmetika empfiehlt sie den Kauf in der EU. Wichtig seien vollständige Angaben zu Hersteller, Importeur und Sicherheitskennzeichen wie das CE-Zeichen. Extrem günstige Angebote deuteten oft auf schlechte Qualität oder mangelnde Sicherheit hin.
Die DUH fordert ein stärkeres Vorgehen gegen Fast Fashion. Bei der anstehenden Reform des Textilgesetzes sollten Umweltkriterien eine Rolle spielen. DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz erklärte: „Wenn Unternehmen giftige, kurzlebige und schwer recycelbare Fast-Fashion-Produkte auf den Markt bringen, dann sollten diese drastisch höhere Beiträge zahlen müssen als Hersteller langlebiger, schadstoffarmer und kreislauffähiger Textilien.“



