Abschaffung der Regelstudienzeit: Eine Kolumne zur Entlastung der Studierenden
Abschaffung der Regelstudienzeit: Eine Kolumne

Die Regelstudienzeit ist ein Evergreen der Studienberatung. Junge Menschen fragen sich besorgt, wie lange ein Studium mindestens dauert, wie schnell sie fertig werden können und wann das eigentliche Leben beginnt. Die Gegenfrage, woher dieser Zeitdruck eigentlich kommt, erntet meist verständnislose Blicke. Selbst bei offenkundig missglückter Studienfachwahl verhindert die Sorge vor vermeintlichem Zeitverlust eine Neuausrichtung. Das Motto lautet: Lieber irgendwie weitermachen, als einen Knick im Lebenslauf riskieren.

Medien beklagen seit Jahrzehnten zu lange Studienzeiten

Die deutschen Medien scheinen sich seit Jahrzehnten bemerkenswert einig zu sein: Es wird zu lange studiert. Schon in den 1980er-Jahren war der Tonfall vorwurfsvoll („Die deutschen Studenten sind zu alt“, Die Zeit, 1980), latent verzweifelt („Seit zwanzig Jahren heißt es: Unsere Studenten sind zu alt“, FAZ, 1983) oder unangenehm lockend („Wer schnell studiert, kommt rasch an einen guten Job“, Münchner Abendzeitung, 1988). Letzteres klingt wie „Wer artig seinen Teller aufisst, bekommt auch Nachtisch“ – auch wenn das Dessert dann nur aus einer Möhre besteht. Vierzig Jahre später klingt bereits Resignation durch: „Nur jeder dritte Hochschulabschluss in Regelstudienzeit“, meldete Die Welt 2025.

Die Norm ist das Problem, nicht die Studierenden

Die empirische Realität ist dabei sehr konstant. Weniger als ein Drittel der Studierenden schließt innerhalb der Regelstudienzeit ab. Rund 70 Prozent benötigen zum Teil deutlich länger. Seit mindestens vier Jahrzehnten werden also zu lange Studienzeiten beklagt. Seit mindestens vier Jahrzehnten erreicht zugleich nur eine Minderheit die offiziell vorgesehene Studiendauer. Vielleicht müsste man daraus einen naheliegenden Schluss ziehen: Wenn die überwältigende Mehrheit die Norm dauerhaft verfehlt, sind womöglich gar nicht die Studierenden das Problem.

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Ein konstruktiver Vorschlag: Regelstudienzeit an Lebenserwartung koppeln

Warum koppelt man stattdessen nicht die Regelstudienzeit künftig auch an die Lebenserwartung, so wie bei der Rente? Wer lange lebt, darf lange arbeiten, aber eben auch lange studieren! Man könnte in der Zeit das persönliche Qualifikationsportfolio diversifizieren, mehrere Bachelor- und Masterabschlüsse sammeln, um Multifunktionalität zu erhöhen und Bildungsrendite zu maximieren – ganz im Sinne lebenslangen Lernens.

Jetzt könnte der richtige Moment dafür sein. So manches Unternehmen wartet lieber auf den nächsten KI-Durchbruch, anstatt Berufsanfänger anzuheuern. Also könnte man auch einfach so lange an der Hochschule bleiben, bis sich Berufsreife durch ausreichende Abhängung („Dry Aging“) von selbst einstellt.

Befreiung vom Joch der Regelstudienzeit

Das sind nur einige konstruktive Vorschläge, um sich endlich von dem Joch der Regelstudienzeit zu befreien. Schließlich scheint ja auch die letzte Langzeitmaßnahme – Studierende durch marode Infrastruktur, überfüllte Lehrveranstaltungen und immer weiter schrumpfende Hochschuletats schneller zum Abschluss zu bewegen – nur mäßig erfolgreich gewesen zu sein. Es ist an der Zeit, das Konzept der Regelstudienzeit grundlegend zu überdenken oder abzuschaffen.

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