Rastlose Süchtige, ein überfordertes Hilfssystem und wachsende Konflikte im öffentlichen Raum: Crack hat die Drogenszenen in Nordrhein-Westfalen grundlegend verändert. Die Oberbürgermeister von Köln und Düsseldorf, Torsten Burmester (SPD) und Stephan Keller (CDU), drängen auf eine neue Drogenpolitik. Sie fordern, den sogenannten Mikrohandel – den Tausch und die Weitergabe kleinster Drogenmengen unter Konsumenten innerhalb von Suchthilfezentren – straffrei zu stellen. Ihr Vorbild ist Zürich, das vor dreißig Jahren ähnliche Probleme mit einer Kehrtwende erfolgreich bewältigt hat.
Crack dominiert die offene Drogenszene
Suchtforscher Daniel Deimel von der Technischen Hochschule Nürnberg hat an einer großen Studie zur Lage der Süchtigen in mehreren NRW-Großstädten mitgewirkt. Der Befund aus dem Jahr 2024 ist eindeutig: Crack ist die inzwischen am häufigsten konsumierte illegale Droge in der Szene – noch vor Heroin, das jahrzehntelang dominierend war. „Seit 2016 wird Europa mit hochreinem Kokain geflutet“, sagt Deimel. Das globale Kokainangebot aus Südamerika hat sich laut UN-Drogenbericht binnen zehn Jahren mehr als vervierfacht; Europa ist nach den USA der zweitgrößte Abnehmermarkt. Crack ist Kokain, das mit Natriumkarbonat aufgekocht und in Form von kleinen Steinchen meist in einer Pfeife geraucht wird. Gleichzeitig ist Heroin knapper geworden, nachdem die Taliban in Afghanistan den Schlafmohnanbau verboten und damit die globale Opiumproduktion einbrechen ließen.
Die veränderte Wirkung und ihre Folgen im öffentlichen Raum
Was Crack von Heroin unterscheidet, ist die Wirkung – und die hat Folgen, die im öffentlichen Raum unmittelbar spürbar sind. Während Heroin betäubt, regt Crack an. „Das ist auch etwas, was man im öffentlichen Raum wahrnimmt: Rastlose Menschen, die herumlaufen, agitieren“, beschreibt Deimel. Der Rausch dauere nur wenige Minuten, aber die psychische Abhängigkeit und das Bedürfnis wieder zu konsumieren seien stark ausgeprägt. Die Folge: „Crack wird ungefähr doppelt so häufig wie Heroin konsumiert – etwa acht- bis zehnmal am Tag.“ Die Konsumenten sind ständig in Bewegung, ständig auf der Suche. Hunger, Durst, Schlaf treten in den Hintergrund – manche seien Tage am Stück wach, bis der Körper kollabiere.
Hilfssystem ist nicht auf Crack vorbereitet
Das Hilfssystem, das über Jahrzehnte auf Heroinkonsumenten ausgerichtet wurde, ist auf diese Realität nicht vorbereitet. „Da muss nun dringend nachgesteuert werden“, sagt Deimel. Hinzu komme eine Wechselwirkung, die die Lage weiter verschärft: Wer auf der Straße lebe, komme eher zum Crack – wer Crack konsumiere, lande eher auf der Straße, oft ohne Zugang zu Notschlafstellen, die keinen Drogenkonsum tolerieren. „Die Verelendung hat massiv zugenommen“, bilanziert der Forscher. Das spüren auch die Innenstädte. In Dortmund etwa wandten sich Händler mit einem offenen Appell an die Stadtpolitik: Das Sicherheitsgefühl von Kunden und Anwohnern sei erheblich beeinträchtigt, die Kosten für Sicherheit und Reinigung stiegen. Ihr Ruf: Hilfsangebote und Unterbringungsmöglichkeiten nach Züricher Vorbild.
Zürich als Vorbild: Kehrtwende mit Erfolg
Ein Blick in die Schweiz zeigt, dass das keine utopische Forderung ist. Zürich hatte in den 1990er Jahren die größte offene Drogenszene Europas – mehrere Hundert Drogentote pro Jahr, mitten in der Innenstadt. „Sie haben alles versucht, was heute noch bei uns in der Diskussion ist: Massive Polizeieinsätze, Zäune, Repression – das hat alles nichts gebracht“, schildert Deimel. Was half, war eine Kehrtwende: Suchthilfezentren nicht am Stadtrand, sondern dort, wo die Probleme am größten waren – mit Konsummöglichkeit, Ruhebetten, Essen, Duschen, Sozialberatung. Und mit einem entscheidenden Element: In Teilen der Einrichtungen durften Konsumenten untereinander Drogen teilen. „Sie müssen dann nicht mehr in den öffentlichen Raum gehen, um sich die Drogen zu besorgen“, erklärt Deimel. Gerade bei Crack sei das entscheidend – wer die Droge draußen besorge, konsumiere sie auch dort: „Ein paar Krümel in die Pfeife, dran ziehen. Bevor ich von der Polizei draußen erwischt werde, konsumiere ich halt sofort.“
Oberbürgermeister fordern Rechtssicherheit für Mikrohandel
Einen solchen Ansatz wollen Köln und Düsseldorf erproben. In einem gemeinsamen Brief an die zuständigen Innen-, Justiz- und Gesundheitsminister in Nordrhein-Westfalen beschreiben die Oberbürgermeister eine „deutlich verschärfte Drogensituation“. Der zunehmende Konsum von Crack und anderen hochpotenten Stimulanzien führe in vielen Städten zu „einer Verdichtung offener Drogenszenen, steigenden gesundheitlichen Risiken und zunehmenden Belastungen im öffentlichen Raum“. In beiden Städten sind große Suchthilfezentren mit Drogenkonsumräumen in Planung. Doch bei der praktischen Umsetzung nach dem Schweizer Vorbild sehen die Oberbürgermeister mögliche „rechtliche Graubereiche“: Welche Spielräume bestehen, um den Kleinsthandel und Tausch von Drogen zwischen Konsumierenden in klar abgegrenzten Bereichen innerhalb der Konsumräume zu dulden? Eine Antwort auf die im Brief formulierte Frage sei bislang nicht eingegangen, heißt es aus Köln. Sollte eine landesseitige Lösung nicht möglich sein, regen die Oberbürgermeister eine entsprechende Bundesratsinitiative an, um den Mikrohandel in Konsumräumen straffrei zu stellen.
Landespolitik zeigt sich gespalten
Während es aus dem Landesgesundheitsministerium auf dpa-Anfrage heißt, der Austausch der Landesregierung zum Thema Züricher Modell dauere an, zeigt sich NRW-Innenminister Herbert Reul eher skeptisch: „Der Staat würde damit einen fundamentalen Grundsatz aufgeben: dass Drogenhandel verboten ist. Nach den Erfahrungen mit der Cannabis-Liberalisierung fällt es mir schwer, jetzt auch noch über tolerierten Crack-Handel nachzudenken.“ Und er mahnt: „Wir dürfen uns nichts vormachen – wir lösen damit das eigentliche Problem nicht, denn die Menschen bleiben abhängig.“ Doch Reuls Nein bleibt nicht eindeutig: „Repression allein verdrängt die Szene oft nur“, räumt er ein. „Deshalb kann man nicht einfach reflexhaft Nein sagen. Man muss zumindest darüber nachdenken, ob kontrollierte Lösungen mit klaren Regeln, Überwachung und Hilfsangeboten am Ende schlimmere Zustände auf den Straßen verhindern können.“
Forscher warnt vor bloßer Elendsverwaltung
Für Deimel reicht das nicht. Er mahnt, die Teilhabe und Gesundung der Betroffenen stärker in den Blick zu nehmen: „Teil der Wahrheit ist, dass überall dort, wo über erweiterte Suchthilfezentren nachgedacht wird, es weniger darum geht, den Menschen zu helfen, sondern um soziale Konflikte zu befrieden.“ Für gelingende Hilfe brauche es mehr als Konsumräume: „Schadensminimierung darf nicht bloße Elendsverwaltung werden. Wir brauchen auch eine Perspektive für die Menschen – müssen uns fragen, wie ein Ausstieg funktionieren soll.“ Das Hilfssystem müsse insgesamt resilienter werden, mehr Wissen darüber, welche Drogen im Umlauf sind, sei dringend nötig, genauso wie ein Monitoring, das zeige, welche Personen nicht erreicht werden, um die Hilfe weiterzuentwickeln. Vor allem brauche es Geld: „Schon jetzt ist die Suchthilfe in vielen Städten nicht auskömmlich finanziert.“



