Gewalt in Kliniken: Deeskalationstraining und Panzerglas in Duisburg
Gewalt in Kliniken: Deeskalationstraining in Duisburg

Im BG Klinikum Duisburg setzt man auf eine Kombination aus baulichen Maßnahmen und speziellen Deeskalationstrainings, um Mitarbeiter vor Gewalt zu schützen. Deeskalationstrainerin Ina Schwarze demonstriert die sogenannte Stopp-Technik: Mit einem lauten „Stopp“ führt sie ihre Handfläche ruckartig in Richtung der Augen des Angreifers und macht gleichzeitig einen Schritt zurück. „Die Stopp-Technik ist sehr wirkungsvoll. Sie funktioniert auch bei großen Männern“, sagt die zierliche Ergotherapeutin.

Zunahme der Gewalt in Krankenhäusern

Schwarze und ihre Kollegin Claudia Plohmann sind zwei von zwei Deeskalationstrainerinnen am BG Klinikum Duisburg. Sie sind Teil der Kampagne #GewaltAngehen, die die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) vor mehreren Jahren zur Gewaltprävention am Arbeitsplatz ins Leben gerufen hat. „Verbale Attacken passieren bei uns täglich“, sagt Schwarze. Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft berichten mehr als 66 Prozent aller Kliniken von einer Zunahme der Gewalt, wobei vor allem Notaufnahmen betroffen sind. Der DGUV wurden in den vergangenen fünf Jahren jährlich zwischen 1.300 und 1.500 Arbeitsunfälle aus Krankenhäusern gemeldet, die auf Gewalt zurückzuführen sind. Experten gehen von einer hohen Dunkelziffer aus, da viele Vorfälle nicht gemeldet werden.

Bauliche Schutzmaßnahmen in der Notaufnahme

Die Notaufnahme des BG Klinikums wurde umgebaut: Alle Patienten müssen durch eine Schleuse, an vielen Stellen wurde Panzerglas verbaut, und Kameras filmen denjenigen, der klingelt, bevor er eingelassen wird. Die Telefone sind mit Notrufknöpfen ausgestattet. In bedrohlichen Situationen kann rund um die Uhr per Knopfdruck ein speziell geschultes Notfallteam angefordert werden. Zusätzlich zur Prävention bietet das Klinikum Mitarbeitenden nach belastenden Situationen hochspezialisierte Trauma-Psychotherapeuten an. „Deeskalation ist für uns weit mehr als eine Methode. Sie ist eine Haltung“, sagt Geschäftsführerin Brigitte Götz-Paul.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Eigene Gewalterfahrung als Auslöser

Für Claudia Plohmann war eine eigene Gewalterfahrung im Job der Auslöser für die Beschäftigung mit dem Thema. Ein Angehöriger war ausgerastet und hatte sie und eine Kollegin massiv beschimpft. „Sowas will man einfach nicht noch mal erleben“, sagt die Krankenschwester mit 35-jähriger Berufserfahrung. „Mir fehlte einfach das Handwerkszeug, wie ich mit einer solchen Situation umgehen kann.“ Heute weiß sie: „Die Leute wollen gesehen werden. Für uns ist es vielleicht Alltag, für die Patienten oder ihre Angehörigen ist eine Ausnahmesituation.“

Emotionale Übersetzungsarbeit und Perspektivwechsel

Hinter jedem Gewaltausbruch stecke eine Not – das ist die Kernbotschaft der Trainerinnen. „Das kann Existenzangst sein, Ungewissheit oder Überforderung oder ein Missverständnis“, sagt Plohmann. Den Menschen in angespannten Situationen zu verdeutlichen, dass man das wisse und sehe, helfe oft. „Wir leisten da auch ganz viel emotionale Übersetzungsarbeit“, ergänzt sie. Zentral sei der Perspektivwechsel, so Schwarze. „Ich sage oft: ‚Stellt euch vor, euer Kind wäre im Krankenhaus. Da würdet ihr auch über Tische und Bänke gehen.‘“ Transparente Kommunikation über Wartezeiten und Priorisierungsregeln könne Konflikte entschärfen.

Notfalltechniken und Bauchgefühl

Wenn Reden nicht mehr hilft, sollen die Mitarbeiter gerüstet sein: Wie befreie ich mich aus einem Würgegriff? Was tue ich, wenn mich jemand am Handgelenk packt? Die einfachen Tricks erfordern keine Kampfausbildung. „Es gilt dabei auch wieder, auf das Bauchgefühl zu hören: Gerade die Kolleginnen aus der Pflege haben oft als Erstes gelernt, ihr eigenes Bauchgefühl zu übergehen“, sagt Schwarze. Bei Angst und Bedrohungsgefühl gebe es Techniken, sich in Sicherheit zu bringen.

Deeskalationstrainings an einem Drittel der Kliniken

Laut Deutscher Krankenhausgesellschaft gibt es inzwischen an gut einem Drittel der Kliniken Deeskalationstrainings. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD), Schirmherrin der Anti-Gewalt-Kampagne der Unfallversicherung, besuchte das BG Klinikum in ihrer Heimatstadt Duisburg, um sich über die Gewaltpräventionsarbeit zu informieren. Sie zeigte sich von der wichtigen Präventionsarbeit überzeugt.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration