In der Kölner Südstadt haben am 24. Juli 2026 rund 200 Menschen gegen die Schließung der Lutherkirche demonstriert. Die evangelische Kirche wurde an diesem Tag entwidmet, sodass künftig keine Gottesdienste mehr stattfinden dürfen. Die Initiative „Rettet die Lutherkirche“ hatte zuvor rund 13.000 Unterschriften gesammelt und prominente Unterstützer wie den Schriftsteller Navid Kermani und die Kabarettistin Biggi Wanninger gewonnen.
Ein Ort der Begegnung und Kultur
Die Lutherkirche sei „im Grunde ein Modell für die ganze Stadt oder für Deutschland“, wie gutes Zusammenleben funktionieren könne, sagte Jan Krauthäuser, Mitgründer der Initiative. „Für mich ist es sehr frustrierend, dass ausgerechnet solch ein Ort jetzt geopfert werden soll.“ Die Kirche hatte sich über Jahrzehnte zu einem Zentrum für Konzerte, politische Diskussionen, Nachbarschaftshilfe, Integrationsprojekte und internationale Festivals entwickelt. „Die Lutherkirche, kann man sagen, ist das Herz der Südstadt. Hier ist ein freier Raum, ein offener Raum, in dem alles möglich ist“, ergänzte der pensionierte Pfarrer Hans Mörtter.
Der Protest wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, da die Kirchen in Deutschland rapide Mitglieder verlieren. Die evangelische Kirche zählte 2025 knapp 17,4 Millionen Mitglieder, zehn Jahre zuvor waren es noch 22,3 Millionen – ein Verlust von mehr als einem Fünftel. Bei den Katholiken sank die Zahl von 23,8 auf 19,2 Millionen im selben Zeitraum.
Finanzielle Zwänge und Zukunftskonzept
Die Schließung ist eine Folge des Mitgliederschwunds und der damit verbundenen finanziellen Probleme. „Wir haben in den letzten Jahren fast ein Viertel der Gemeindemitglieder verloren“, sagte Markus Herzberg, Pfarrer und Vorsitzender des Leitungsgremiums der Gemeinde. Ein Beschluss der Landeskirche, dass ab 2035 alle Kirchengemeinden ihre Gebäude treibhausgasneutral betreiben müssen, verschärfe die Lage. Nachkriegsbauten wie die Lutherkirche entsprechend zu sanieren, sei teuer.
Bereits 2024 verabschiedete die Gemeinde ein Zukunftskonzept, das vorsieht, Geld und Personal auf drei zentrale Standorte zu konzentrieren: die Christuskirche, die Antoniterkirche und die Kartäuserkirche. Die Lutherkirche und die Thomaskirche sollen verpachtet werden, mit dem Ziel, dass der neue Pächter daraus einen gemeinwohlorientierten Ort macht. „Ein Gemeindezentrum kostet uns zwischen 400.000 und 500.000 Euro im Jahr“, erklärte Herzberg. Der Gemeindehaushalt müsse pro Jahr eine Million Euro einsparen.
Kulturarbeit soll erhalten bleiben
Pfarrer Herzberg betonte: „Wir machen diesen Schritt nicht gegen jemanden. Wir machen das für die Zukunftsfähigkeit der Gemeinde.“ Die kulturelle und soziale Arbeit verschwinde nicht, sondern werde fortgesetzt. In der Südstadt bleibe etwa die Kartäuserkirche als Begegnungsort bestehen. Auch für die Lutherkirche suche man nach Wegen, die Kulturveranstaltungen weiterlaufen zu lassen, etwa in anderen Kirchen der Gemeinde.
Der Initiative um Krauthäuser und Mörtter reicht das nicht. Sie haben ein Übernahmekonzept aufgestellt, das den Kauf des gesamten Komplexes vorsieht, um dort weiter Veranstaltungen auszurichten. Dafür erwägen sie die Gründung einer Stiftung oder Genossenschaft. Falls die aktuellen Verhandlungen mit einem potenziellen Pächter scheitern, wollen sie ihr Angebot der Kirchengemeinde vorlegen.
Offene Zukunft
Wie es mit der Lutherkirche weitergeht, ist ungewiss. Gottesdienste sind nach der Entwidmung nicht mehr erlaubt. Der Verein „Südstadt Leben“ kann seine Veranstaltungen noch bis Ende 2026 in der Kirche durchführen. Für die Zeit danach verhandelt die Gemeinde mit einem potenziellen Pächter. Geplant ist eine soziale und gemeinwohlorientierte Nutzung, auch als Wohnraum für Senioren ist die Kirche im Gespräch. Welche Teile des Gebäudes erhalten bleiben, ist offen – möglicherweise nur der denkmalgeschützte Kirchturm.
Die Demonstrierenden haben noch nicht aufgegeben. Als sich die Menge am Nachmittag auflöste, blieben Einzelne minutenlang stehen, diskutierten, umarmten sich und erzählten von besonderen Momenten. Hinter ihnen schloss sich die Tür der Kirche. Ein Schlusspunkt ist die Entwidmung für niemanden – der Streit über die Zukunft hat gerade erst begonnen.



