Sommerloch: Ein Ort mit Humor und Geschichte
Das Sommerloch hat in Deutschland keinen guten Ruf. Jedes Jahr, wenn die Parlamente in den Ferien sind und die Nachrichtenlage dünn wird, geistern kuriose Geschichten durch die Medien. Doch das eigentliche Sommerloch liegt idyllisch zwischen Weinbergen in Rheinland-Pfalz. Der Ort mit rund 420 Einwohnern und der Postleitzahl 55595 sorgt bundesweit für Schmunzeln, aber die Bewohner kennen die meisten Witze bereits.
„Gibt's das wirklich? Sommerloch?“, fragt Andrea Kolling, ehemalige Naheweinkönigin und Besitzerin eines Weinguts, diesen Satz in allen Tonlagen – erstaunt, belustigt, ungläubig. Sie steht regelmäßig mit dem Wein ihres Familienguts auf Festen zwischen Rheinland und Westfalen. Der Ortsname erledigt die Kontaktaufnahme zuverlässig. Kaum gelesen, steht jemand am Stand. Aus einem Wort wird ein Gespräch und nicht selten ein Glas Wein. Marketingberater würden dafür wohl viel Geld verlangen, doch Sommerloch bekommt den Effekt frei Haus.
Der Name passt nicht zum Ort
Dass man den Namen im Dorf mit Humor nimmt, zeigt sich im Kleinen. Im Wohnzimmer der Familie Kolling gibt es über dem Sofa eine winzige Macke in der Wand. „Meine Enkelin Theresa steckte neulich ihren Finger hinein und verkündete ernsthaft: ‚Das ist das Sommerloch‘“, erzählt Kolling und lacht. Besser lässt sich der Unterschied zwischen Redewendung und Realität kaum illustrieren. Denn das eigentliche Kuriosum ist nicht der Name, sondern wie wenig er zum Ort passt.
„Bei uns ist eigentlich immer etwas los“, sagt Laura Tullius, ebenfalls ehemalige Naheweinkönigin. Der Jahreskalender des Dorfs im Landkreis Bad Kreuznach umfasst Hoffeste, Weinwanderungen, Kerb (Kirmes) und Weinfeste – er wirkt wie der einer Kleinstadt. Wenn Kerb ist, öffnen Höfe, Kinder laufen herum, an der Schießbude knallen Luftgewehre, in den Gläsern schimmert Riesling. Nachbarn kennen einander, man hilft sich, man trifft sich. Tullius nennt Sommerloch „den schönsten Ort der Welt“. In Großstädten würde man diesen Satz für blanke Übertreibung halten, in Sommerloch klingt er wie eine Tatsachenbeschreibung.
Keine Spur von Landflucht
Auch Maria Barth erlebt regelmäßig den Aha-Moment ihrer Gäste. Wer erzähle, er mache Urlaub in Sommerloch, ernte irritierte Blicke. Danach folge fast immer dieselbe Frage: „Wo ist das denn?“ Die Antwort führt in einen Weinort, der früher auch für seine vielen Kirschbäume bekannt war und heute besonders von seinen Vereinen lebt. Feuerwehr, Fastnacht, Sportclub – es gibt Orte mit größerer Einwohnerzahl und deutlich weniger Gemeinsamkeit.
Selbst der Ortsbürgermeister Bernhard Boos muss regelmäßig erklären, dass der Name nichts mit sauren Gurken zu tun hat. Er verweist lieber auf die mittelalterliche Herkunft. Der Legende nach entwickelte sich der Name Sommerloch aus Sumerlachen, einer feuchten Mulde südlicher Lage, in der Mönche günstige Bedingungen für Acker- und Weinbau fanden. Boos zählt gerne auf, was im Dorf los ist: Neujahrsempfang, Fastnacht, Feuerwehrfest, Hoffeste, Patronatsfest, Martinszug, Weihnachtskonzert. Dazwischen laden Winzer immer wieder zu Weinabenden. Von Landflucht ist keine Spur: „Wir sind gerade dabei, ein neues Gebiet mit 16 Bauplätzen zu erschließen“, schildert der parteilose Ortsbürgermeister.
Vielleicht liegt darin die Pointe. Während andernorts über das Sommerloch geklagt wird, profitiert Sommerloch ganz entspannt davon. Der Name macht neugierig, bringt Menschen ins Gespräch und lockt Besucher an. Und falls doch jemand nach dem Sommerloch sucht: Im Putz über einem Sofa wird er fündig.



